Die Unterversicherung von Sachrisiken stellt laut der neuesten sigma-Studie von Swiss Re eine zunehmende globale Herausforderung dar

  • Weltweit hat die Deckungslücke bei Sachschäden aus Natur- katastrophen in den letzten zehn Jahren stetig zugenommen: 70% der wirtschaftlichen Schäden bzw. 1,3 Billionen USD waren nicht versichert.
  • Katastrophenmodellen zufolge werden die nicht versicherten Schäden aus Naturkatastrophen in Zukunft weltweit durchschnittlich 153 Mrd. USD pro Jahr betragen.
  • Die grössten nicht versicherten Exponierungen gegenüber Naturkatastrophen entfallen dabei auf die USA, China und Japan.
  • In Schwellenländern sind 80–100% der Schäden nicht versichert.
  • Zusammen mit anderen allgemeinen Sachrisiken wird die globale Unterversicherung von Sachrisiken auf insgesamt 221 Mrd. USD geschätzt.
  • Um der Unterversicherung von Sachwerten zu begegnen, sind koordinierte Anstrengungen und eine innovative Denkweise vonseiten der Versicherer, der Regierungen und anderer Akteure erforderlich.

PRESSEMITTEILUNG – Zürich, 14. September 2015: Die Unterversicherung von Sachrisiken stellt eine globale Herausforderung dar, wie die neueste sigma-Studie von Swiss Re, «Unterversicherung von Sachrisiken: Die Deckungslücke schliessen», festhält.

Ein Grossteil der Unterversicherung bezieht sich auf das weltweite Naturkatastrophenrisiko, das in den letzten 40 Jahren stetig zugenommen hat. In den vergangenen zehn Jahren betrug der kumulative Sachschaden infolge von Naturkatastrophen weltweit insgesamt 1,8 Billionen USD, wovon nur rund 30% versichert waren. Anders ausgedrückt: Die gesamte Unterdeckung – die Deckungslücke [Die Deckungslücke ist die Differenz zwischen versichertem Schaden und Gesamtschaden] – betrug 1,3 Billionen USD.

Die sigma-Studie zeigt ausserdem auf, dass Sachwerte nicht nur gegenüber Naturkatastrophen sondern auch bei weiteren Gefahren stark unterversichert sind, und dass auch viele Wachstumsmärkte im Verhältnis zur Grösse ihrer Wirtschaft unterversichert sind. Während die rasch wachsende Mittelklasse in diesen Ländern immer wohlhabender wird, hinkt die Versicherungsnachfrage hinterher.

Die weltweite Deckungslücke bei der Abdeckung von Naturkatastrophen- risiken hat sich in den letzten 40 Jahren stetig ausgeweitet, obwohl auch die Schadenzahlungen in diesem Zeitraum stark zugenommen haben. Aufgrund der wirtschaftlichen Entwicklung und der – vor allem in Schwellenregionen – anhaltenden Urbanisierung hat der Wert der gefährdeten Sachwerte global stärker zugenommen als die Versicherungsnachfrage.

Modellierung der weltweiten Deckungslücke bei Naturkatastrophen

Ergänzend zu den historischen Daten wird das weltweite Schadenpotenzial der drei grössten Naturgefahren (Erdbeben, Überschwemmungen und Stürme) auch anhand von Modellen geschätzt. Seltene Ereignisse wie starke Hurrikane oder Erdbeben erscheinen nicht unbedingt in den jüngsten historischen Daten, weshalb Schadenmodelle eine umfassendere Sicht bieten. So blieb Florida in den letzten zehn Jahren von schweren Hurrikanen verschont; dennoch bleibt das Risiko von Sachschäden durch Hurrikane dort aber weiterhin sehr hoch.

Die Modellierung ergibt eine erwartete jährliche Deckungslücke von 153 Mrd. USD, wenn man von einem durchschnittlichen Katastrophenjahr ausgeht. In absoluten Zahlen machen die USA, Japan und China mit einer kombinierten Deckungslücke von 81 Mrd. USD mehr als die Hälfte davon aus. In den Schwellenländern sind durchschnittlich 80–100% der wirtschaftlichen Schäden nicht versichert, was die wirtschaftlichen Ressourcen von kleineren und anfälligeren Volkswirtschaften drastisch verringern könnte.

«Die stärkste Unterversicherung ist in den drei grössten Volkswirtschaften auszumachen», erklärt Kurt Karl, Chefökonom bei Swiss Re. «Der Grossteil der Deckungslücke in den USA und in Japan entfällt auf das Erdbebenrisiko. In beiden Ländern gibt es Gebiete mit einer hohen Konzentration von Sachwerten. Davon sind viele nicht gegen Erdbebenschäden versichert, obwohl sich hier relativ häufig Erdbeben ereignen.» In China stellen Überschwemmungen in grossen Industriezentren mit einer hohen Bevölkerungsdichte und einer starken Konzentration von Sachwerten die grösste Gefahr dar.

Unterversicherung auch bei anderen Sachrisiken

Sachwerte sind auch anderen Gefahren als Naturkatastrophen ausgesetzt. Zu diesen allgemeinen Sachrisiken gehören Feuer, Wasserschaden, Einbruch usw. Viele Länder sind gegenüber Ländern mit vergleichbaren Einkommen unzureichend gegen diese Risiken versichert. Nimmt man besser versicherte Länder als Benchmark für die Länder mit einer tieferen Versicherungs- durchdringung, zeigt die Studie eine zusätzliche erhebliche Deckungslücke von 68 Mrd. USD bei allgemeinen Sachrisiken auf. Viele der am stärksten unterversicherten Länder weisen ein hohes Wirtschaftswachstum auf. Während die rasch wachsende Mittelklasse in diesen Ländern stetig wohlhabender wird, hinkt die Versicherungsnachfrage aber hinterher. Ein Anstieg der Vermögenswerte ohne gleichzeitige Zunahme der Versicherungsabschlüsse erhöht die Unterversicherung.

Die Schätzung der Unterversicherung von allgemeinen Sachrisiken ist konservativ, denn sie geht davon aus, dass Länder mit einer hohen Versicherungsdurchdringung keine Deckungslücke aufweisen. Dies ist jedoch nicht der Fall, da auch in diesen Ländern viele Sachwerte nicht genügend versichert sind, sowohl gegenüber bestehenden als auch neuen Risiken wie Cyber/Internetkriminalität oder Rückwirkungsschäden.

Fasst man die allgemeinen Sachschäden und die modellierten Natur- katastrophenschäden zusammen, ergibt sich eine weltweite Deckungslücke bei Sachrisiken von 221 Mrd. USD pro Jahr. Dies entspricht den erwarteten Schadenforderungen, die von einer grösseren Risikogemeinschaft hätten vorfinanziert werden können, anstatt die finanzielle Belastung den einzelnen Familien, Unternehmen und staatlichen Stellen zu überlassen.

Schliessung der Deckungslücke

Unterversicherung kann verschiedene Ursachen haben. Dazu gehören Faktoren wie Risikowahrnehmung, mangelndes Versicherungsbewusstsein, Erschwinglichkeit, Vertrauen auf staatliche Hilfe nach einer Katastrophe, fehlendes Vertrauen in die Versicherer, beschränkter Zugang zu Versicherungen und eine komplizierte Geschäftsabwicklung. Die Unterbewertung von Sachwerten aufgrund mangelnder Informationen oder fehlendem Bewusstsein ist ein weiterer Faktor. Bestimmte Risiken – beispielsweise in Zusammenhang mit extremen Naturkatastrophen, Terrorismus, Cyber/Internetkriminalität oder Rückwirkungsschäden – können die Grenzen der Versicherbarkeit sprengen.

Die Herausforderung für die Versicherungsbranche besteht darin, sich auf die Bedürfnisse der Konsumenten zu konzentrieren, die ungenügend oder gar nicht versichert sind. Die Schliessung der Deckungslücke bedingt, dass die Versicherungsbranche weiterhin neu entstehende Risiken und Risiko- expositionen beobachtet und entsprechende Datenmodelle sowie Analyse- instrumente entwickelt. Dies gilt nicht nur für Naturkatastrophen, sondern auch für andere Gefahren, die schwer zu beziffern sind, beispielsweise Terrorismus, Cyber-/Internetkriminalität oder das Lieferkettenrisiko. Weitere Innovationen sind nötig bei Produkten, Prozessen und dem Vertrieb, um bisher nicht versicherte Konsumenten und Risiken zu erreichen.

Die Versicherer können dies nicht alleine bewältigen. Sie benötigen ein unterstützendes Regulierungsumfeld, Risikoinformationen und – in bestimmten Fällen wie Terrorismus oder Hochwasser – die Mitwirkung des Staates, um die Deckungskapazität zu erweitern. Um das Problem der Unterversicherung von Sachwerten erfolgreich anzugehen, sind koordinierte Anstrengungen und eine innovative Denkweise sowohl im privaten als auch im öffentlichen Sektor erforderlich.

So erhalten Sie diese sigma-Studie:

In elektronischer Form steht die sigma-Studie Nr. 5/2015 «Unterversicherung von Sachrisiken: Die Deckungslücke schliessen» in deutscher, englischer, französischer und spanischer Sprache auf der Website von Swiss Re bereit: www.swissre.com/sigma

Die Fassungen in chinesischer und japanischer Sprache erscheinen demnächst.

Gedruckte Ausgaben von sigma-Studie Nr. 5/2015 sind jetzt ebenfalls auf Deutsch, Englisch, Französisch und Spanisch erhältlich. Die Druckfassungen auf Chinesisch und Japanisch folgen in Kürze. Bitte senden Sie Ihre Bestellung mit vollständiger Postanschrift an: sigma@swissre.com

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