Sprechstunde beim @AssekuranzDoc: Wie werden wir uns 2030 versichern?

Kürzlich kamen wir darauf. Seit wann gibt es eigentlich Smartphone und Tablet PC?. 10 Jahre? 15 Jahre? Keine Ahnung. Das Zeitgefühl geht manchmal schlicht verloren. Um so schwerer zu erahnen, was in 15 Jahren sein wird. Diese Kolumne will einen Blick ins Jahr 2030 versuchen.

Es ist wirklich erst fünf Jahre her als Steve Jobs das erste iPad präsentierte. Und heute im Zug hat fast jeder Reisende einen solchen Tablet PC oder etwas Adäquates von anderen Herstellern auf dem Tisch vor sich. Und mit dem Tablet steht die Verbindung zur ganzen Welt der Informationen und Services bereit.

Selbst das iPhone wurde (erst) vor acht Jahren eingeführt und hat – natürlich unterstützt von zahlreichen anderen Anbietern von Smartphones – das Leben von Milliarden von Menschen auf der Welt verändern. Nicht nur beim Telefonieren oder Fotografieren.

Millionen von Applikationen haben als Apps früher komplizierte und komplexe Services vereinfacht und so den Alltag erobert. Es sei nur ein Beispiel angeführt. Ich kann mich noch genau an die früher übliche Vorbereitung von Zugfahrten von und zum Studienort erinnern. Hinter einem Schalter im Bahnhof eine Dame, die für Zugauskünfte ein dickes Fahrplanbuch wälzen musste. Und sie hatte bei mir immer ganz schön zu tun. Drei verschiedene Züge mit Anschlüssen.

Beides (der Bahnhof und die Fahrplanbücher) sind Geschichte. Wahrscheinlich die Bahnangestellte von damals auch. Aber so ist der Lauf der Zeit. Technisierung und Digitalisierung haben ihre Spuren hinterlassen. Was wird dann aber bezogen auf die Versicherungsbranche sein, wenn wir das Jahr 2030 schreiben?

Versicherungsbranche – heute und morgen

Die Versicherungsbranchen in Deutschland und Europa sind ein wichtiger Bestandteil unserer Volkswirtschaften. Das Image ist nicht immer positiv, aber die Taten vielfach schon. Über die Hälfte der Kundengelder werden europaweit als Anleihen für Staaten und Unternehmen zur Verfügung gestellt. Das sind Investitionen, die sich spürbar auswirken.

Diese Investitionen der Versicherungsbranche steuern auch die wirtschaftliche Entwicklung, wenn wir an Investitionen in Windparks oder auch jüngst an den Abschied der Allianz aus Kohle-Investitionen denken.

Ebenfalls nicht zu unterschätzen sind die Leistungen der Versicherer für die Kunden bei Versicherungsfällen. Europaweit wurden 2014 über 940 Milliarden Euro an Leistungen ausgezahlt (Beitragseinnahmen 1.169 Milliarden Euro), davon 630 Milliarden im Bereich der Lebens- und Rentenversicherung.

Wenn sich im Rahmen der digitalen Revolution das Geschäftsmodell und der Workflow der Versicherer verändert dann wird dies auch Auswirkungen auf das Engagement der Branche in den europäischen Volkswirtschaften und auch für die einzelnen Kunden haben.

Der GDV-Präsident Erdland sieht die Zusammenhänge so:

„Die Digitalisierung verändert die Gesellschaft insgesamt, und wir bieten die Lösungen dafür“, sagt Erdland. „Am Ende gilt es, unsere Produkte so zu gestalten, dass unsere Kunden damit zufrieden sind.“

Versicherungen 4.0 wird bedeuten, dass sich alle Bestandteile der Geschäftsprozesse der Versicherer verändert werden. Auf Grundlage einer neuen Datenfülle in ungeahntem Ausmaß wird das Erkennen, Bewerten und Beurteilen von Risiken zu aktuariellen Leistungen mit neuen Simulationstechniken führen.

In der Kommunikation zwischen Versicherung und Vermittlern werden die neuen Kommunikationsmöglichkeiten ebenfalls Eingang finden müssen. Kernelement wird aber die Kommunikation mit den Kunden sein, denn der Kunde ist jetzt schon (zumindest viele unserer Kunden) in der Welt der Zukunft angekommen. Sie nutzen bereits die Angebote der FinTechs, Insurtechs und weiterer Startups mit stark wachsender Tendenz.

Versicherungsflatrate über eine Watch?

Die großen Datensammler Google, Facebook, Apple & Co. werden ihre Macht der Daten früher oder später auch im Bereich der Versicherungen ausspielen. Bereits jetzt lässt sich erahnen, wo das hinführt.

Kürzlich wurde mir bei einem Geschäftsbesuch in München über mein Smartphone mitgeteilt, dass der obligatorische Stau im Stadtzentrum so katastrophal sei, dass ich mich zum Erreichen meines Flugzeuges doch 10 Minuten früher auf den Weg machen sollte.

Transformieren wir diese Erkenntnis in die Zukunft. Smartphone und Telematiktarife liefern mehr Daten über unser Fahrverhalten im Auto als uns lieb sein kann. Smartphone und Smartwatch erfassen biometrische Daten zu unserem mehr oder weniger gesunden Leben und unseren sportlichen Aktivitäten. Und nicht zu vergessen, dass über die Systeme der Standortsuche im Smartphone auch erfasst wird, in welche Restaurants wir essen gehen, wo wir Urlaub machen und mit welchen Menschen wir uns umgeben.

So scheint es nicht mehr Utopie sein, dass über eine Smartwatch auch bald Angebote per Insurance-Flat möglich sein könnte. Alle Daten zu unserem Risikoverhalten liegen vor. Der Rest ist Versicherungstechnik und eine Frage des Geldes. Aber über die Vermögensverhältnisse ist der Systembetreiber über die Onlinebanking – App ja auch bestens informiert.

KFZ-Versicherungen massiv unter Druck

Besonders stark ist der Druck auf Veränderungen bei den Versicherungen, die von Neueinsteigern schnell erobert werden können. Wir haben das in den letzten Jahren bei den KFZ-Versicherungen erlebt.

Der Anreiz für die Neueinsteiger in den Markt ist klar: 110 Millionen Verträge für KFZ-Versicherungen mit einem Beitragsvolumen von 24,4 Milliarden Euro (2014) allein in Deutschland sind ein attraktives Geschäftsfeld. Dementsprechend erklärt sich auch die Aggressivität des Wettbewerbs zwischen klassischen Anbietern und den „neuen Wilden“.

Die Unternehmensberatung Roland Berger kommt deshalb auch zu dem Schluss, dass die KFZ-Versicherer vor enormen Herausforderungen stehen.

„Denn Vergleichsportale, neue Geschäftsmodelle wie Carsharing, das vernetzte Fahrzeug und die zunehmende Verbreitung von Fahrzeugassistenzsystemen bis hin zum teilautonomen Fahren verändern schrittweise die traditionellen Marktregeln der eher konservativen Branche.“

Die Konsequenzen dieses Wettbewerbs sind absehbar. Wenn nicht das vertriebliche Argument „KFZ-Police als Einstiegsprodukt“ noch so ein starkes Gewicht hätte, würden jetzt schon mehr Versicherer die Notbremse im Angesicht von hohen Schadenqouten und notwendigen Investitionen in die Technik der Zukunft ziehen.

Nach den Analysen von Roland Berger ist der Abwärtstrend bereits eingeleitet:

„1997 haben noch 132 Versicherungsunternehmen in Deutschland Kfz-Versicherungen angeboten, 2013 waren es nur noch 96 und bis 2030 wird diese Zahl nochmals spürbar sinken.“

Einem ähnlichen Schicksal werden auch andere, relativ einfache Versicherungsprodukte folgen. Die Versicherer überlegen noch, ob sie ihren eigenen Vermittlern oder auch unabhängigen Maklern Apps für private Sachversicherungen mit überschaubarer Komplexität anbieten. Aber die Onlineanbieter und Onlineportale sind schon da.

Individueller Weg oder Kooperation?

Es ist nachvollziehbar wenn Unternehmensleitungen mit aufgeschlossenen und kreativen Entscheidern gute Ideen allein in den Markt bringen wollen. Das bringt zumindest eine Zeit lang Wettbewerbsvorteile und auch Ansehen bei Kunden und Vermittlern. Man ist schließlich gerne einmal oben auf der Welle.

Die Grenzen solcher technologischen Alleingänge sehen wir aber jetzt schon im Bereich der KFZ-Versicherungen. Für die noch genauere Kalkulation wettbewerbsfähiger Tarife brauchen die Versicherer mehr Daten.

Die Daten zum Verhalten der Kunden bei Schäden oder Unfällen könnten aus den Assistenzsystemen der PKW oder auch aus den telemetrischen Daten des Smartphone kommen. Aber genau diese Daten haben nur die Automobilhersteller oder die Systemanbieter der modernen Telefone.

Eigene Datenerfassungssysteme für die Versicherer aufzubauen kostet Geld. Viel Geld, da man wertvolle Zeit schon verloren hat. Dennoch versuchen viele Versicherer hier noch eigene Wege zu gehen, um an die Daten der Kunden zu kommen. Dafür werden Angebote offeriert, die beim Kunden die Bereitschaft für eine erweiterte Datenerfassung fördern.

Differenzierte Befragungen bei der Risikoerfassung sollen zu mehr Daten verhelfen. Dafür werden dem Kunden Vorteile durch geringere Prämie in Aussicht gestellt. Andere technische Systeme für dieses Datensammeln sind in Vorbereitung, denn die Versicherer wissen, dass eine Abhängigkeit von den „Erstausstattern“ (auch OEM genannt) sich perspektivisch negativ auswirken kann.

Denn warum sollen Google & Co. den Versicherern Daten für Angebote liefern, die sie irgendwann auch selbst nutzen wollen und werden. Und wenn wir das Bild der KFZ-Versicherung 2030 erahnen wollen, dann stellen wir uns nur einmal ein Apple-Mobil mit Vollvernetzung vor.

Nach meiner Meinung kann der Weg für die Mehrzahl der regional oder national agierenden Versicherer nur über Kooperationen im Verband oder auch außerhalb funktionieren. Für die Umsetzung des digitalen Umbruchs und die Erweiterung der Datenbasis müssen gemeinsame Ressourcen aufgebaut werden. Kunden können nur gehalten oder gewonnen werden, wenn die Versicherungswelt ihren Stärken gegenüber den Kunden zum Tragen bringt.

Fazit

Um die Frage „Wie werden wir uns 2030 versichern?“ beantworten zu können ist ein weiter Blick in die Zukunft notwendig. Und das dafür notwendige Bild, diese Vision, wird maßgeblich vom Kunden selbst geprägt.

Der Kunde will in vielen Dingen des Alltags schon heute nicht mehr am „Schalter“ stehen. Das muss er dank Digitalisierung auch nicht. Der Einkauf per App gewinnt immer mehr an Fahrt. Dazu kommen immer mehr Möglichkeiten zur Individualisierung der Produkte vom Turnschuh bis zum Auto. Dies wird wohl auch bei Versicherungen passieren.

Der Kunde im Umfeld der Digitalisierung wird selbst die Antwort sein. Das Wissen über den Kunden wird entscheiden, welche Informationen die Kunden vom Versicherer als wichtig und nützlich ansehen. Nur so wird Akzeptanz für persönliche Lösungen erreicht. Und damit wird Globalität der Produktion auch wieder Lokal beim Verbraucher.

Der Kunde will Transparenz statt pauschaler „Verführung“. Er will Services, die sich auf Grundlage der kontinuierlichen Datenerfassung minütlich auch verändern können. Die App AroundMe macht bespielhaft vor, wie das gehen kann. Das sind gewaltige Herausforderungen für eine interessante Zukunft der digitalen Versicherungswelt – meint

Ihr AssekuranzDoc

P.S. Ich danke dem Team von Tagesbriefing.de für eine immer partnerschaftliche und freundliche Zusammenarbeit. Unseren gemeinsamen Lesern vielen Dank für das Interesse an dieser Kolumne, für viele Fragen, Diskussionen und das intensive Feedback seit 2013.

Man sieht und liest sich – meint Ihr AssekuranzDoc

 


Dr. Peter Schmidt AssekuranzDocExperte Personenversicherungen und Unternehmensberater im Bereich Versicherungen, Vertriebe und Makler mit langjähriger Erfahrung als Führungskraft und Vorstand bei deutschen Versicherern und twittert als @AssekuranzDoc. Besuchen Sie auch seine Webseite und werden Sie Fan von Dr. Schmidt auf Facebook.

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