Berufsunfähigkeitsversicherung: Wer kauft schon einen Kleinwagen zum Preis einer Oberklassenlimousine?

 

Von Gerd Kemnitz

Selten waren sich Verbraucherschützer, Medien und Versicherungsgesellschaften so einig wie bei der Berufsunfähigkeitsversicherung. Unisono wiesen sie auf die Wichtigkeit dieser Police hin. Trotzdem hat das Produkt „Berufsunfähigkeitsversicherung“ derzeit ein Problem: Viele Menschen mit körperlicher/ handwerklicher Tätigkeit können sich den BU-Schutz in angemessener Höhe und mit ausreichender Versicherungsdauer finanziell nicht leisten. Das muss sich ändern, denn eine Berufsunfähigkeitsversicherung ist für alle Berufstätigen wichtig.

Einige Fachleute favorisieren sogenannte BU-Alternativen (Erwerbsunfähigkeitsversicherungen, Grundfähigkeitsversicherungen, MultiRisk-Tarife und Dread-Disease-Versicherungen), wenn eine BU-Versicherung nicht bezahlbar ist. Auch Michael Franke, Geschäftsführer des Analysehauses „Franke und Bornberg“ schreibt in diesem Zusammenhang:

„Produkte ‚unterhalb‘ der BU zu meiden, ist genauso sinnlos wie einen Kleinwagen nicht zu kaufen, der weniger Knautschzone als eine Oberklassenlimousine hat, was bei einem Unfall nichts anderes bedeutet, als ein höheres Verletzungs- oder Todesfallrisiko.“

Aber sind EU-Versicherungen & Co. wirklich sinnvolle Alternativen für körperlich Tätige? Ein Beispiel soll das Problem verdeutlichen.

Einem 30-jähriger Versicherungsmakler würde die Dialog-Lebensversicherungs-AG für eine monatliche BU-Rente in Höhe von 1.000 Euro bis zum 65. Lebensjahr derzeit einen monatlichen Zahlbeitrag in Höhe von 44,27 Euro berechnen – einem 30-jährigen Maurer dagegen 129,60 Euro (Quelle: Tarifrechner auf www.dialog-leben.de). Selbst für die als Alternative angebotene EU-Versicherung müsste der Maurer derzeit monatlich 51,02 Euro bezahlen, obwohl der Versicherungsschutz hierbei deutlich reduziert wäre. Der Maurer müsste also – um bei obigen Vergleich zu bleiben – selbst für den Kleinwagen mehr bezahlen, als der Versicherungsmakler für die Oberklassenlimousine!

Und wie sollte der Maurer die Beiträge für eine solche EU-Versicherung weiterbezahlen, wenn er zunächst „nur“ berufsunfähig wird und auf Grund seines angeschlagenen Gesundheitszustands doch keine einkommensmäßig vergleichbare Tätigkeit findet? Mir ist keine EU-Versicherung mit Beitragsbefreiung bei Berufsunfähigkeit bekannt. Ist dem Maurer eine solche, sogenannte Alternative vermittelbar und ist dies moralisch vertretbar?

Ich denke – Nein! Denn unsere Gesellschaft braucht den Maurer genauso wie den Versicherungsmakler, den Ingenieur oder den Arzt. Wir dürfen nicht zulassen, dass Handwerker, Bauarbeiter oder Krankenpfleger keine Chance auf den Abschluss einer vollwertigen BU-Versicherung bekommen. Und auch aus der Versicherungsbranche melden sich verantwortungsbewusste Führungskräfte, die in der ausufernden Berufsgruppendifferenzierung eine Fehlentwicklung sehen.

So sagte beispielsweise Jürgen Hansemann (Vorstand, Nürnberger Versicherung):

„Ich glaube, mit der Entwicklung bei den Berufsgruppen sind wir alle unglücklich. Vor dem Jahr 2000 waren die Prämien für alle Berufsgruppen identisch, mal abgesehen von individuellen Risikozuschlägen. Berufe mit starken körperlichen Tätigkeiten waren dadurch bezahlbar.“

Und Jürgen Riemer (Vorstand, Maklermanagement.ag) ergänzt:

„Aus meiner Sicht ist die Ausweitung der Berufsgruppen keine Lösung, auch schon deswegen nicht, weil die Gruppen und damit die Kollektive viel zu klein sind. Dadurch wird es schwieriger, repräsentative Erfahrungswerte zu gewinnen. Es handelt sich bei der Ausweitung der Berufsgruppen um eine Krücke, um an bestimmte Berufsgruppen heranzukommen, aber es löst unser Problem nicht.“

Trotzdem wird die Entwicklung so weitergehen. Heute gibt es schon Gesellschaften, die mehr als 20 Berufs- bzw. Risikogruppen haben. Und BU-Versicherer die derzeit „nur“ in 5 oder 6 Berufsgruppen untergliedern, werden aufrüsten müssen, um keine Marktanteile zu verlieren bzw. nicht nur die risikoreicheren Berufe versichern zu können. Dass auch die Versicherer selbst mit der Berufsgruppendifferenzierung überfordert sind, zeigt sich spätestens, wenn man die Berufsgruppenkataloge etwas genauer analysiert. Wie sonst wäre es zu erklären, wenn bei einigen Versicherern

  • ein „Versicherungsmakler“ anders als ein „Assekuranzmakler“,
  • ein „Techniker Hochbau“ anders als ein „Techniker – Hochbau“,
  • ein „Lebensmittelingenieur“ anders als ein „Nahrungsmittelingenieur“ oder
  • ein „Dachdecker“ günstiger als ein „Dachdeckergeselle“

eingestuft wird (Quelle: eigene Recherche). Diese Aufzählung ließe sich beliebig erweitern.

Natürlich kann kein einzelner Versicherer diese fatale Fehlentwicklung der Berufsgruppendifferenzierung umkehren. Aber wenn wir keine 2-Klassen-Gesellschaft bezüglich der Berufsunfähigkeitsversicherung schaffen wollen, ist ein gemeinsames Handeln aller BU-Versicherer oder das Einschreiten des Gesetzgebers erforderlich. Was nützt es unserer Gesellschaft, wenn nur die Berufstätigen in risikoarmen Berufen Eigenverantwortung übernehmen und sich gegen Berufsunfähigkeit absichern können – und die anderen ohne Chance auf eigenverantwortliche BU-Vorsorge sind? Im Falle einer Berufsunfähigkeit geraten sie völlig unverschuldet in finanzielle Not und wären mit hoher Wahrscheinlichkeit bis zu ihrem Lebensende auf Sozialleistungen aus Steuergeldern angewiesen. Das kann nicht Sinn und Zweck einer privaten Vorsorge sein.

Deshalb appelliere ich an alle Versicherer, den GDV und die Politiker: Lassen Sie nicht zu, dass ein großer Teil der Berufstätigen sich keinen ausreichenden BU-Schutz leisten kann. Ergreifen Sie schnellstmöglich gemeinsame Maßnahmen, um die verhängnisvolle Entwicklung der Berufsgruppendifferenzierung zurückzunehmen. Verantwortungbewusste Versicherungsmakler und -vermittler brauchen keine Notlösungen für ihre Kunden, sondern bedarfsgerechte und bezahlbare BU-Versicherungen.

 


Über den Autor

AutorenbildGerd KemnitzGerd Kemnitz ist Versicherungsmakler mit Spezialisierung auf BU-Versicherungen. Er analysiert die Bedingungen der verschiedenen Tarife kritisch und fordert auch seine Kunden auf, sich aktiv bei der Auswahl des optimalen BU-Schutzes zu beteiligen. Nur wer mögliche Bedingungsverbesserungen und Leistungserweiterungen kennt, kann diese einfordern oder bewusst darauf verzichten. Hierzu unterhält er ein Informationsportal, auf dem er rund um das Thema Berufsunfähigkeitsversicherung berichtet.