Der Markt für European Long-Term Investment Funds (ELTIF) erlebt derzeit einen bemerkenswerten Aufschwung. Nachdem die Europäische Union den Zugang für Privatanleger deutlich erleichtert hat, stieg das verwaltete Vermögen nach Angaben von Scope im Jahr 2025 um 55 Prozent auf 34 Milliarden Euro. Bis 2028 rechnen die Analysten mit einem Marktvolumen von mehr als 70 Milliarden Euro. Allein im vergangenen Jahr wurden 113 neue ELTIFs aufgelegt – nahezu doppelt so viele wie 2024. Zusätzlichen Rückenwind könnte in Deutschland das geplante Altersvorsorgedepot bringen, in dem ELTIFs künftig als Anlagebaustein zugelassen sein sollen. Was politisch gewollt ist und den Kapitalmarkt für breite Anlegergruppen öffnen soll, entwickelt sich zunehmend zu einem der dynamischsten Segmente im Bereich alternativer Investments.
Mit dem Wachstum steigen jedoch auch die Erwartungen. Besonders beliebt sind derzeit sogenannte Evergreen-ELTIFs. Diese Fonds verfügen über keine feste Laufzeit und ermöglichen Anlegern regelmäßige Ein- und Ausstiege. Die semi-liquide Struktur vermittelt damit mehr Flexibilität als klassische geschlossene Fonds. Genau hier sehen Marktbeobachter jedoch potenzielle Risiken. Nico Auel, Vorstand von Munich Private Equity, warnt vor einer möglichen Diskrepanz zwischen Liquiditätsversprechen und tatsächlicher Marktrealität. Rückgabemöglichkeiten wirkten attraktiv, gleichzeitig verhielten sich Privatanleger in Krisenzeiten häufig prozyklisch. Fonds könnten dadurch gezwungen werden, Vermögenswerte unter ungünstigen Bedingungen zu veräußern, um Rückgaben bedienen zu können. Aus seiner Sicht seien illiquide Konzepte oftmals die ehrlichere Lösung, da sie besser zur langfristigen Natur der zugrunde liegenden Assets passten.
Unterschiedliche Strategien erschweren die Vergleichbarkeit
Hinzu kommt eine weitere Herausforderung: ELTIF ist keine eigenständige Anlageklasse, sondern eine regulatorische Hülle. Innerhalb dieses Rahmens können Anbieter sehr unterschiedliche Strategien umsetzen. Laut Sina Nennstiel vom Bundesverband Alternative Investments reicht die Bandbreite von Private Equity über Infrastruktur und Immobilien bis hin zu Private Debt. Für Anleger bedeutet das: Zwei ELTIFs können denselben Namen tragen und dennoch vollkommen unterschiedliche Risiko-Rendite-Profile aufweisen. Die zunehmende Vielfalt macht den Markt attraktiver, erschwert aber gleichzeitig die Vergleichbarkeit und die Einschätzung der tatsächlichen Risiken.
Besonders stark wächst aktuell das Interesse an Private Credit. Dabei vergeben Fonds Kredite außerhalb des klassischen Bankensektors und erhalten im Gegenzug laufende Erträge. Doch auch hier zeigen sich die Herausforderungen eines jungen Marktes. In den USA sorgten zuletzt Rückgabebeschränkungen bei einzelnen Private-Credit-Vehikeln für Verunsicherung. Die Sorge vieler Anleger richtet sich vor allem auf Softwareunternehmen als Kreditnehmer, deren Geschäftsmodelle durch den rasanten Fortschritt künstlicher Intelligenz unter Druck geraten könnten. Gleichzeitig betont Andreas Mittler, Leiter Private Markets Deutschland bei Invesco, dass die aktuelle Diskussion stark von Einzelfällen geprägt sei. Der Markt funktioniere aus seiner Sicht ohne systemische Spannungen. Entscheidend bleibe jedoch eine sorgfältige Auswahl von Managern und Strategien, da die Leistungsunterschiede erheblich sein könnten.
Beratung wird zum entscheidenden Erfolgsfaktor
Für Vermittler und Berater entsteht dadurch ein Spannungsfeld. Während digitale Plattformen auf Skalierbarkeit und einfache Abschlussprozesse setzen, steigen die Anforderungen an die Geeignetheitsprüfung kontinuierlich. Nach Einschätzung von Sina Nennstiel reicht es nicht aus, lediglich die Fondsstruktur zu verstehen. Berater müssten ebenso die jeweiligen Anlageklassen, deren Funktionsweise sowie die spezifischen Risiken nachvollziehen können. Andernfalls drohten Fehlberatungen, enttäuschte Anleger und im Extremfall Haftungsansprüche.
Gerade im ELTIF-Markt entscheidet deshalb nicht allein die Produktqualität über den langfristigen Erfolg, sondern vor allem die Qualität der Aufklärung. Die Branche steht damit vor einer bekannten Konstellation: Auf große Wachstumschancen folgen steigende Erwartungen – und mit ihnen die Gefahr von Enttäuschungen. Wer Anlegern die Chancen alternativer Investments vermitteln will, muss deshalb auch deren Grenzen transparent machen. Nur dann kann aus dem aktuellen ELTIF-Boom eine nachhaltige Erfolgsgeschichte werden.
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