Kurz vor der Veröffentlichung der Reformvorschläge der Alterssicherungskommission erhöhen das Deutsche Institut für Altersvorsorge (DIA) und die Zurich Gruppe Deutschland den Druck auf die Politik: In ihrem gemeinsamen Positionspapier „Stärkung der bAV – Reformansätze für die Alterssicherung in Deutschland“ sprechen sie sich dafür aus, die betriebliche Altersversorgung (bAV) deutlich stärker in die Reformüberlegungen einzubeziehen. Die Botschaft ist klar: Wenn die gesetzliche Rente zunehmend an finanzielle und demografische Grenzen stößt, müsse die zweite Säule der Altersvorsorge deutlich mehr Gewicht erhalten. Nach Angaben von Zurich könne die bAV nicht nur zusätzliche Alterseinkommen schaffen, sondern zugleich biometrische Risiken wie Invalidität oder den Hinterbliebenenschutz absichern. „Die betriebliche Altersversorgung ist der naheliegendste Hebel, um Versorgungslücken wirksam zu schließen“, erklärte Björn Bohnhoff, Vorstand Leben der Zurich Gruppe Deutschland. Damit knüpfen DIA und Zurich an Forderungen an, die zuletzt auch vom Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) erhoben wurden.
Verbreitung stockt vor allem im Mittelstand
Zwar verfügt laut DIA und Zurich inzwischen etwa jeder zweite Arbeitnehmer über eine Betriebsrentenzusage, doch insbesondere in kleinen und mittleren Unternehmen bleibt das Potenzial weitgehend ungenutzt. Zwischen Anspruch und Wirklichkeit klafft damit weiterhin eine erhebliche Lücke: Während die bAV politisch seit Jahren als wichtiger Baustein der Alterssicherung gilt, sorgen administrative Komplexität, Haftungsfragen, fehlende Anreize und mangelnde Kenntnisse vieler Arbeitgeber nach Einschätzung der Verfasser für Zurückhaltung. Um diese Hürden abzubauen, haben DIA und Zurich einen Neun-Punkte-Plan vorgelegt. Dieser reicht von Bonus-Malus-Systemen zur Förderung von Betriebsrenten über ein Autoenrolment-Modell mit Opt-out-Möglichkeit bis hin zu einer stärkeren Förderung von Geringverdienern. Hinzu kommen Vorschläge zur Digitalisierung und Standardisierung von Verwaltungsprozessen, zur Verringerung von Haftungsrisiken, zur besseren Übertragbarkeit von Anwartschaften bei Arbeitgeberwechseln sowie zum Ausbau kollektiver Absicherungslösungen für Invaliditäts- und Todesfallrisiken. Mehr Transparenz und eine stärkere Finanzbildung sollen zudem die Akzeptanz der bAV erhöhen.
Pflichtmodell gewinnt an Dynamik – Experten sehen offene Fragen
Die Debatte erhält zusätzlichen Rückenwind aus der Politik. In der ARD-Sendung „Arena“ sprach sich Bundesfinanzminister Lars Klingbeil für eine verpflichtende Betriebsrente aus. „Wenn wir die gesetzliche stärken, das haben wir gemacht, wenn wir die betriebliche verpflichtend machen und wenn wir die private ausbauen, dann haben wir eine Chance, das Rentensystem wirklich zukunftsfähig zu machen“, sagte Klingbeil. Für DIA und Zurich ist dies ein Signal, die bAV künftig nicht mehr nur als Ergänzung, sondern als festen Bestandteil der Alterssicherungsreform zu betrachten. Gleichzeitig wird in der Branche aufmerksam verfolgt, welchen Weg die Politik tatsächlich einschlagen wird. Viele bAV-Experten beobachten nach eigenen Angaben mit Skepsis Bestrebungen, das Sozialpartnermodell stärker in den Vordergrund zu rücken. Der Grund: Trotz hoher Erwartungen hat dieses Modell bislang nur eine vergleichsweise geringe Marktdurchdringung erreicht. Die kommenden Reformvorschläge dürften daher zeigen, ob die betriebliche Altersversorgung tatsächlich zum zentralen Reformhebel wird – oder ob zwischen politischem Anspruch und praktischer Umsetzung erneut eine Lücke bestehen bleibt.
Quelle