Immer wieder wird in der Branche darüber diskutiert, ob der intensive Wettbewerb in der Berufsunfähigkeitsversicherung (BU) zu einer zunehmend lockeren Risikoprüfung führt. Guido Lehberg, Geschäftsführer des Maklerhauses Die Finanzprüfer, sieht dafür derzeit jedoch keine belastbaren Anzeichen. Gegenüber procontra erklärt er, dass sich die Risikoprüfung weiterhin deutlich von Anbieter zu Anbieter unterscheide und sich teilweise sogar innerhalb weniger Monate verändern könne. Besonders bei psychischen Vorerkrankungen zeigten sich laut Lehberg erhebliche Unterschiede. Während die Alte Leipziger hier häufig individuelle Lösungen finde und auch Fälle annehme, die andere Versicherer nur mit Ausschlüssen versichern würden, verfolge die Allianz nach seiner Einschätzung derzeit einen deutlich strengeren Kurs.
Preiskampf in der BU: Nicht jeder Versicherer jagt dieselben Kunden
Damit widerspricht Lehberg zumindest teilweise der Einschätzung von Franke und Bornberg. Das Analysehaus hatte zuletzt darauf hingewiesen, dass der seit Jahren anhaltende Preiskampf in der BU zunehmend über Zugeständnisse bei der Risikoprüfung geführt werde. Lehberg zeichnet dagegen ein differenzierteres Bild. Aus seiner Sicht konzentrieren sich die meisten Versicherer weiterhin auf bestimmte Zielgruppen und Berufe, anstatt wahllos möglichst viele Akademiker oder vermeintlich gute Risiken einzusammeln. Als Beispiel nennt er Medizinstudenten: Während Baloise und HDI bei Studierenden der Humanmedizin besonders attraktive Beiträge anbieten, steigen die Prämien bei Zahnmedizinstudenten deutlich stärker an. Andere Anbieter kalkulieren dagegen beide Studiengänge einheitlich und verteilen die Risiken anders. Der Markt gleiche damit eher einem Mosaik aus unterschiedlichen Risikostrategien als einem pauschalen Wettbewerb um jeden Preis.
Keine Anzeichen für flächendeckend steigende Beiträge
Auch vor einem breiten Anstieg der BU-Beiträge in den kommenden Jahren warnt Lehberg derzeit nicht. Versicherer hätten grundsätzlich kein Interesse daran, die Zahlbeiträge spürbar zu erhöhen. Der Grund liegt im Risiko der sogenannten Antiselektion: Steigende Beiträge könnten dazu führen, dass vor allem gesunde Kunden den Vertrag verlassen, während Versicherte mit höherem Leistungsrisiko bleiben. Genau dieses Szenario wollen die Gesellschaften vermeiden. Frühere Zuschussmodelle einzelner Anbieter wie der WWK oder Hansemerkur, die zeitweise für Diskussionen sorgten, sieht Lehberg aktuell nicht als marktweiten Trend. Sein Fazit fällt deshalb vergleichsweise nüchtern aus: Der Wettbewerb bleibt intensiv, die Risikoprüfung aber weiterhin ein zentrales Steuerungsinstrument der Versicherer – und keineswegs ein Bereich, in dem flächendeckend die Schleusen geöffnet werden.
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