Altersvorsorgedepot gegen bAV? Warum dieser Streit an der Realität vorbeigeht

Die Debatte um das neue Altersvorsorgedepot nimmt derzeit Fahrt auf. In Vermittlerkreisen, auf Branchenveranstaltungen und in sozialen Netzwerken entsteht dabei zunehmend der Eindruck, als müsse sich die betriebliche Altersversorgung (bAV) künftig gegen das neue Depotmodell behaupten. Genau diese Gegenüberstellung halte ich für einen Irrweg. Denn die zentrale Herausforderung der Altersvorsorge in Deutschland lautet nicht: Welches Produkt erzielt die höchste Rendite? Die entscheidende Frage ist vielmehr: Wie gelingt es Menschen, im Ruhestand dauerhaft über ausreichend Einkommen zu verfügen?
Wer sich nüchtern mit den Versorgungslücken der kommenden Rentnergenerationen beschäftigt, erkennt schnell: Für die meisten Arbeitnehmer wird weder eine bAV allein noch ein gefördertes ETF-Depot ausreichen. Die Rentenlücke ist inzwischen zu groß geworden. Deshalb sehe ich das Altersvorsorgedepot nicht als Konkurrenten, sondern als sinnvolle Ergänzung. Das Depot eröffnet neue Möglichkeiten für kapitalmarktorientierten Vermögensaufbau und staatlich gefördertes Sparen. Die bAV bringt dagegen etwas ein, das in der aktuellen Diskussion häufig unterbewertet wird: Stabilität, Garantien und lebenslange Leistungen. Gerade Durchschnittsverdiener brauchen nicht entweder Sicherheit oder Kapitalmarkt, sondern eine Kombination aus beidem. Die politische Debatte zeichnet jedoch oft ein anderes Bild: Hier die moderne ETF-Welt, dort die vermeintlich überholte Garantiewelt. Doch die Realität ist deutlich komplexer.

Die Gefahr der Renditefixierung

Aus meiner Sicht wird derzeit zu stark über Rendite gesprochen und zu wenig über Verhalten. Altersvorsorge ist kein Wettbewerb um die höchste Performance, sondern ein Marathon über mehrere Jahrzehnte. Wer die Kapitalmarktkrisen der vergangenen Jahrzehnte aktiv begleitet hat, weiß, wie unterschiedlich Menschen auf starke Kursschwankungen reagieren. Als der DAX nach der Jahrtausendwende von rund 8.000 Punkten auf etwa 2.400 Punkte abstürzte, hielten nicht alle Anleger durch. Für erfahrene Investoren mag ein langer Börsenabschwung eine statistische Größe sein. Für jemanden, der Monat für Monat 50 oder 100 Euro für die eigene Altersvorsorge spart, kann eine solche Phase dagegen existenzielle Zweifel auslösen. Genau deshalb greift die aktuelle Renditefixierung zu kurz. Versorgung bedeutet nicht nur Vermögensaufbau, sondern auch Durchhaltefähigkeit. Wer langfristig vorsorgen will, braucht Lösungen, die sowohl wirtschaftlich als auch psychologisch tragfähig sind.

Hinzu kommt ein Aspekt, der in vielen Reformdebatten erstaunlich wenig Beachtung findet: die Beratungsrealität. Oft entsteht der Eindruck, Verbraucher könnten ihre Altersvorsorge künftig einfach per Smartphone-App zusammenstellen. Die Praxis sieht anders aus. Gerade Menschen mit wenig Kapitalmarkterfahrung wünschen sich Orientierung, Einordnung und einen Ansprechpartner. Gleichzeitig steigen die regulatorischen Anforderungen an Vermittler kontinuierlich. Eine fundierte Wertpapierberatung inklusive Dokumentation kann mehrere Stunden in Anspruch nehmen. Dennoch wird häufig suggeriert, Beratung und Verwaltung sollten möglichst kostenlos sein. Diese Rechnung geht nicht auf. Wer hochwertige Beratung fordert, muss akzeptieren, dass sie Zeit, Fachwissen und damit auch Geld kostet.

Nicht gegeneinander, sondern miteinander denken

Die eigentliche Gefahr für die Altersvorsorge liegt daher aus meiner Sicht nicht im neuen Altersvorsorgedepot. Problematisch wird es vielmehr dann, wenn politische Reformen verschiedene Vorsorgesysteme gegeneinander ausspielen und gleichzeitig die Bedeutung qualifizierter Beratung unterschätzen. Wenn künftig nur noch über Kostendeckel, Vereinfachung und Standardisierung gesprochen wird, droht langfristig die Erosion jener Beratungsinfrastruktur, die Menschen überhaupt erst dabei hilft, die richtigen Entscheidungen für ihre finanzielle Zukunft zu treffen.

Dabei liegt die Lösung eigentlich auf der Hand: mehr Flexibilität in der bAV, bessere Mitnahmemöglichkeiten bei Arbeitgeberwechseln, mehr Wahlfreiheit für Sparer und ein intelligentes Zusammenspiel verschiedener Vorsorgebausteine. Das Leben folgt schließlich keiner Excel-Tabelle. Berufliche Veränderungen, Familiengründung, Krankheit, Arbeitslosigkeit oder Pflegefälle lassen sich nicht exakt planen. Altersvorsorge muss deshalb ebenso flexibel wie robust sein. Verschiedene Vorsorgetöpfe erfüllen dabei unterschiedliche Aufgaben – wie mehrere Pferde vor einer Kutsche, die jeweils eigene Stärken und Schwächen mitbringen. Entscheidend ist am Ende nicht, welches einzelne Produkt die höchste Rendite erzielt hat. Entscheidend ist, ob Menschen im Ruhestand genügend finanzielle Mittel besitzen, um die Unwägbarkeiten ihres letzten Lebensdrittels bewältigen zu können. Und ob sie gelernt haben, mit ihrem Vermögen verantwortungsvoll umzugehen. Faktoren wie Verhalten, Gesundheitszustand und finanzielle Bildung werden in vielen Reformdiskussionen ausgeblendet. Dabei sind sie oft mindestens genauso wichtig wie die Frage nach der richtigen Anlagestrategie.

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