Seit Bundestag und Bundesrat die Reform der geförderten privaten Altersvorsorge endgültig beschlossen haben, richtet sich der Blick der Finanzbranche auf den 1. Januar 2027. Mit dem Start des neuen Altersvorsorgedepots (AVD) entsteht ein Markt, der nach Einschätzung vieler Beobachter weit über die Nachfolge der Riester-Rente hinausgeht. Während klassische Lebensversicherer noch an neuen Produktkonzepten arbeiten, bringen sich Neobroker bereits offensiv in Stellung. Der Grund: Sie sehen die Chance, Millionen Sparer für ihre Plattformen zu gewinnen und von der erwarteten Umschichtung bestehender Riester-Verträge zu profitieren.
Das überrascht kaum. Das Altersvorsorgedepot folgt in vielen Punkten der DNA digitaler Broker: ETF-Sparpläne statt Garantiewelten, digitale Depots statt papierlastiger Prozesse, Kapitalmarktorientierung statt klassischer Versicherungsmäntel. Was für die Politik mehr Flexibilität und höhere Renditechancen schaffen soll, wirkt für Neobroker wie eine Einladung zum Marktausbau. Die eigentliche Frage lautet daher nicht mehr, ob neue Anbieter in den Markt drängen, sondern wer sich die besten Startpositionen sichern kann.
Scalable, Trade Republic und Finanzen.net Zero gehen in Stellung
Besonders sichtbar agiert derzeit Scalable Capital. Der Münchner Neobroker hat bereits vor dem offiziellen Produktstart Informationsseiten, Rechner und Möglichkeiten zur Interessentenregistrierung aufgebaut. Damit betreibt das Unternehmen schon heute Kundenaufklärung und Lead-Generierung für ein Produkt, das erst in anderthalb Jahren startet.
Auch Trade Republic positioniert sich frühzeitig. Das Berliner Unternehmen verknüpft das Thema Altersvorsorge mit öffentlichkeitswirksamen Kampagnen und nutzt unter anderem den Amateurfußball als Werbeplattform. Co-Founder Christian Hecker formulierte den Anspruch deutlich: „Seit zehn Jahren kämpfen wir gegen die Rentenlücke. Jetzt kommt die private Altersvorsorge endlich in der Mitte der Gesellschaft an.“
Finanzen.net Zero verfolgt einen ähnlichen Ansatz. Dort können sich Interessenten bereits auf Wartelisten setzen lassen oder direkt ein Depot eröffnen, um zum Marktstart vorbereitet zu sein. Die Botschaft ist bei allen Anbietern ähnlich: Wer früh Kunden gewinnt, erhöht die Chance, langfristige Vermögensbeziehungen aufzubauen.
Die eigentliche Hürde liegt hinter den Kulissen
Bei aller Aufbruchsstimmung könnte sich jedoch ausgerechnet die staatliche Förderung als größter Stolperstein erweisen. Denn das Altersvorsorgedepot bringt nicht nur ETF-Sparen und digitale Prozesse mit sich, sondern auch die Verwaltung von Zulagen, Förderansprüchen und steuerlichen Besonderheiten. Dafür müssen die Anbieter komplexe Schnittstellen zur Zentralen Zulagenstelle für Altersvermögen (ZfA), zur Deutschen Rentenversicherung und zu weiteren Behörden aufbauen.
Genau hier zeigt sich ein interessanter Gegensatz: Während das Produkt nach außen maximal einfach wirken soll, steigt im Hintergrund die technische Komplexität erheblich. Fehler bei Zulagenberechnungen oder Datenübermittlungen könnten nicht nur operative Probleme verursachen, sondern auch das Vertrauen der Kunden beschädigen.
Für Versicherungsvermittler und Finanzberater ergibt sich daraus eine andere Perspektive. Die Neobroker verkaufen in erster Linie den Zugang zu Depot, ETF-Sparplan und Förderung. Die eigentliche Vorsorgefrage bleibt jedoch komplex: Passt das Altersvorsorgedepot zur individuellen Lebenssituation? Lohnt sich ein Wechsel aus einem bestehenden Riester-Vertrag? Welche Rolle spielen Steuern, Kinderzulagen, biometrische Risiken oder die betriebliche Altersversorgung? Genau an dieser Stelle dürfte Beratung auch nach 2027 ein entscheidender Wettbewerbsfaktor bleiben. Während Broker auf Skalierung setzen, können Vermittler ihre Stärke in der Einordnung und ganzheitlichen Vorsorgeplanung ausspielen.
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