ETF-Boom trotz Iran-Krieg: Warum Anleger geopolitische Risiken derzeit ausblenden

Während der Iran-Krieg eigentlich steigende Inflation, höhere Energiepreise und Belastungen für die Weltwirtschaft erwarten ließ, zeigen sich die Aktienmärkte bislang erstaunlich robust. Der S&P 500 erreichte im April sogar ein neues Allzeithoch, auch der DAX bewegte sich zuletzt wieder nahe seiner Höchststände. Für viele Anleger wirkt das wie eine verkehrte Welt. Doch laut Johannes Mayr, Chefvolkswirt des Vermögensverwalters Eyb & Wallwitz, steckt dahinter vor allem eine nüchterne Markterwartung: Die Börsen gehen derzeit davon aus, dass sich die Versorgung mit Öl und Gas wieder stabilisieren wird und der Konflikt nicht dauerhaft eskaliert. Im Gespräch mit procontra verweist Mayr zudem auf eine strukturelle Veränderung der Kapitalmärkte. Die global dominierenden Konzerne – insbesondere große Technologiewerte – seien heute deutlich weniger anfällig für geopolitische Schocks als noch vor einigen Jahrzehnten. Unternehmen wie Microsoft würden ihre Geschäftsmodelle nicht verlieren, nur weil ein regionaler Konflikt aufflammt. Gleichzeitig treiben die Erwartungen rund um künstliche Intelligenz die Kurse weiter an. Gerade diese Mischung aus Technologiefantasie, stabilen Unternehmensgewinnen und fehlenden Zinserhöhungen von EZB und Fed sorgt laut Mayr dafür, dass die Börsen Rückschläge bislang erstaunlich schnell abschütteln.

ETF-Anleger kaufen weiter – doch genau darin sieht Mayr Risiken

Bemerkenswert sei laut Mayr auch die Rolle der ETF-Anleger. Während früher geopolitische Krisen oft zu panikartigen Verkäufen führten, hätten passive Anleger in den vergangenen Jahren fast jede größere Korrektur zum Nachkauf genutzt – egal ob Corona, Ukraine-Krieg, Trumps Zollpolitik oder nun der Iran-Konflikt. ETFs seien damit selbst zu einer Art Marktstabilisator geworden. Genau darin erkennt der Fondsmanager jedoch auch ein wachsendes Risiko.
Denn immer mehr Kapital fließe automatisiert in dieselben großen Unternehmen und Geschäftsmodelle – aktuell vor allem in KI-getriebene Technologiekonzerne. Der Marktmechanismus drohe dadurch schleichend aus dem Gleichgewicht zu geraten: Nicht mehr die attraktivste Bewertung entscheide über Kapitalzuflüsse, sondern allein die Größe im Index. Mayr warnt deshalb indirekt vor einem Konzentrationsrisiko vieler ETF-Portfolios. Wenn die hohen Gewinnerwartungen der Tech-Konzerne irgendwann enttäuscht würden, könnten gerade indexnahe ETFs besonders verwundbar sein.
Statt ausschließlich auf Aktien-ETFs zu setzen, empfiehlt Mayr deshalb breiter diversifizierte Portfolios. Die Phaidros-Fonds von Eyb & Wallwitz investieren neben Aktien auch in Investment-Grade-Anleihen, Gold und Liquidität. Ziel sei es, die Schwankungen des Portfolios zu reduzieren und gleichzeitig Chancen außerhalb der derzeitigen Marktlieblinge zu nutzen. Besonders interessant findet Mayr aktuell Regionen und Sektoren, die am Markt eher skeptisch gesehen werden – etwa China, Asien allgemein, Softwareunternehmen oder bestimmte Bereiche des Gesundheitssektors.

Gold, Bitcoin und alternative Investments: Viel Hype, viele Fragezeichen

Auch klassische Krisenassets liefern derzeit kein eindeutiges Bild. Obwohl Gold lange als sicherer Hafen galt, reagierte der Goldpreis auf den Iran-Konflikt vergleichsweise schwach. Mayr führt das unter anderem auf die massiven Goldkäufe der Zentralbanken in den vergangenen Jahren zurück. Deren Goldquoten seien inzwischen bereits sehr hoch, wodurch die Rallye an Dynamik verlieren könnte. Gold bleibe aus seiner Sicht eher ein Schutz gegen Inflation oder Zweifel am Geldsystem – nicht jedoch automatisch gegen jede konjunkturelle Krise.
Ähnlich zurückhaltend äußert sich der Fondsmanager zu alternativen Anlagen wie Bitcoin, ELTIFs, Private Debt oder Private Equity. Bitcoin könne zwar – ähnlich wie Gold – in Phasen wachsender Zweifel an staatlichen Währungen profitieren. Für die eigenen Fonds sei die Volatilität jedoch zu hoch. Besonders kritisch sieht Mayr Produkte wie ELTIFs. Diese würden häufig mit langfristiger Stabilität werben, seien aber oft teuer, wenig transparent und mit erheblichen Klumpenrisiken verbunden. Für institutionelle Anleger könnten solche Beimischungen sinnvoll sein. Privatanlegern würden dagegen teilweise Sicherheiten suggeriert, die es in dieser Form nicht gebe.

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