Altersvorsorge-Reform: Warum Vermittler jetzt gefragter denn je sind

Mit der beschlossenen Reform der privaten Altersvorsorge nimmt der Umbau der bisherigen Riester-Welt konkrete Formen an. Ab 2027 soll das neue Altersvorsorgedepot mehr Kapitalmarktorientierung, flexiblere Produktlösungen und neue Förderwege bringen. Für Vermittler bedeutet das nach Einschätzung führender Branchenvertreter allerdings keineswegs weniger Beratungsaufwand – im Gegenteil. Auf einem digitalen Altersvorsorge-Forum des Instituts für Vorsorge und Finanzplanung (IVFP) und der Investmentgesellschaft Ampega machten Vertreter aus Vermittlerschaft, Fondsbranche und Versicherungswirtschaft deutlich: Die Reform dürfte den Beratungsbedarf eher ausweiten als reduzieren. AfW-Vorstand Norman Wirth, Cvetelina Todorova vom Fondsverband BVI und Carsten Kock von HDI Leben waren sich dabei weitgehend einig: Vermittler sollten die aktuelle Reformdebatte schon jetzt aktiv nutzen, um mit Kunden ins Gespräch zu kommen. Denn viele Verbraucher stünden vor grundlegenden Fragen – nicht erst dann, wenn die neuen Produkte tatsächlich verfügbar sind.

Standarddepot allein löst keine Vorsorgefragen

Im Mittelpunkt der Diskussion stand dabei nicht nur das neue Altersvorsorgedepot selbst, sondern die deutlich breiter werdende Komplexität der Vorsorgeberatung. Denn selbst das geplante Standarddepot mit gesetzlich gedeckelten Effektivkosten von maximal einem Prozent ersetzt aus Sicht der Diskussionsteilnehmer keine individuelle Beratung. Die politische Idee klingt zunächst einfach: kostengünstig, standardisiert, kapitalmarktnah. Die Realität dürfte jedoch deutlich differenzierter aussehen. Denn auch ein standardisiertes Produkt müsse zur persönlichen Lebenssituation, Risikoneigung und bestehenden Vorsorgestruktur passen. Carsten Kock von HDI Leben warnte deshalb davor, Altersvorsorge nur auf einzelne Produkte zu reduzieren. Gute Beratung müsse vielmehr das Gesamtbild betrachten – von betrieblicher Altersversorgung über biometrische Risiken bis hin zu steuerlichen Fragen, Hinterbliebenenschutz oder der späteren Auszahlphase. Besonders relevant wird die Reform zudem für Millionen bestehender Riester-Kunden. Genau dort erwarten Branchenvertreter erheblichen Beratungsbedarf: Vertrag behalten, beitragsfrei stellen oder in ein neues Vorsorgedepot wechseln? Pauschale Antworten werde es kaum geben. Faktoren wie Garantiezins, Vertragslaufzeit, Familienstand, Kinderzulagen oder steuerliche Effekte müssten individuell geprüft werden.

Vermittler sollen jetzt aktiv werden

Brisanz erhält die Debatte zusätzlich durch die parallel laufenden Diskussionen über die Zukunft der gesetzlichen Rente. Am Donnerstag kursierten zwischenzeitlich Gerüchte über mögliche Vorschläge der Rentenkommission – darunter eine Anhebung des Renteneintrittsalters auf 70 Jahre oder eine Senkung des Rentenniveaus auf 46 Prozent. Auch wenn diese Spekulationen später dementiert wurden, zeigen sie aus Sicht vieler Marktteilnehmer vor allem eines: Die Unsicherheit rund um die Altersvorsorge wächst weiter. Für Vermittler eröffnet sich damit zwar zusätzlicher Gesprächsbedarf, gleichzeitig steigen aber auch die Erwartungen an Beratungsqualität und Einordnungskompetenz. Hinzu kommt die offene Frage der Vergütung. Die Teilnehmer des Forums machten deutlich, dass politisch gewünschte Beratung wirtschaftlich tragfähig bleiben müsse. Diskutiert werden unterschiedliche Modelle – von klassischen Provisionen bis hin zu Honorarlösungen und Servicevereinbarungen. Für AfW-Vorstand Norman Wirth ist die Richtung dennoch klar: „Für Berater ist die Reform ein toller Türöffner.“ Entscheidend werde nun sein, ob Vermittler die aktuelle Aufmerksamkeit nutzen, um Kunden frühzeitig Orientierung zu geben – bevor aus Reformhoffnung vorschnelle Fehlentscheidungen werden.

Quelle