Die Diskussion um steigende GKV-Beiträge und die geplante Anhebung der Beitragsbemessungsgrenze sorgt offenbar für Bewegung im PKV-Markt. Wie die auf private Krankenversicherung spezialisierte Beraterin Anja Glorius gegenüber procontra berichtet, habe das Anfragevolumen im März und April deutlich angezogen. „Im organischen Bereich lagen wir grob bei 80 bis 90 Prozent mehr Anfragen im Vergleich zum Vorjahr“, sagt Glorius. Besonders auffällig: Viele Interessenten hätten theoretisch schon seit Jahren in die PKV wechseln können, seien bislang aber bewusst in der gesetzlichen Krankenversicherung geblieben. Das Solidaritätsprinzip der GKV habe für viele lange eine wichtige Rolle gespielt. Doch steigende Höchstbeiträge bei gleichzeitig schwieriger Terminversorgung sorgten zunehmend für ein Umdenken. „Wenn jemand inzwischen rund 1.250 Euro GKV-Beitrag sieht und gleichzeitig das Gefühl hat, für Facharzttermine trotzdem betteln zu müssen, dann fängt der Kopf irgendwann an zu rechnen“, so Glorius. Gerade bei Doppelverdiener-Familien werde die finanzielle Belastung inzwischen spürbar wahrgenommen.
Versicherer widersprechen den Vorwürfen deutlich
PKV-Beratung wird komplexer – und deutlich strategischer
Nach Einschätzung von Glorius geht es den Interessenten dabei längst nicht nur um kurzfristige Beitragsersparnisse. Viele Gespräche drehten sich um langfristige Fragen: Beitragsentwicklung im Alter, Rückkehrmöglichkeiten in die GKV, Familienplanung oder die Absicherung von Kindern. Damit verändert sich aus ihrer Sicht auch die Beratung selbst. „Es melden sich gerade viele Menschen, die früher wahrscheinlich gar nicht mit uns gesprochen hätten“, erklärt sie. Die neuen Interessenten seien häufig vorsichtig, skeptisch und wollten keine Verkaufsgespräche, sondern belastbare Einordnungen. Nicht jeder lande deshalb automatisch in der Voll-PKV. Glorius berichtet von Fällen, in denen am Ende bewusst Zusatzversicherungen statt eines vollständigen Wechsels empfohlen wurden. „Auch das ist für mich eine gute Beratung – vielleicht sogar die bessere, wenn die Voll-PKV nicht zur Gesamtstrategie passt.“ Für Makler dürfte genau das zunehmend entscheidend werden: weniger Produktverkauf, mehr strategische Gesundheitsberatung entlang der individuellen Lebensplanung.
„Nicht aus Ärger wechseln“: Warum saubere Vorbereitung entscheidend bleibt
Trotz der steigenden Nachfrage warnt Glorius ausdrücklich vor hektischen Wechselentscheidungen. Die PKV dürfe nicht als kurzfristiges Sparmodell verstanden werden. „Wer 15 oder 20 Jahre eine schöne Zeit in der PKV hat und dann im Rentenalter flucht, hat schlecht geplant“, sagt sie. Gerade deshalb sei eine sorgfältige Vorbereitung essenziell. Dazu gehöre vor allem die frühzeitige Sichtung von Patientenquittungen und Krankenakten. Immer wieder tauchten dort Diagnosen auf, die Kunden entweder nicht kennen oder für falsch halten. Würden solche Punkte erst nach Vertragsabschluss entdeckt, könne das später problematisch werden. Der Wechselprozess selbst dauere ohnehin oft mehrere Wochen: Gesundheitsdaten zusammentragen, Risikovoranfragen stellen, Tarife vergleichen, Entscheidungen abwägen. Für Vermittler bedeutet das: Die aktuelle GKV-Debatte bringt zwar zusätzliche Nachfrage, sorgt aber gleichzeitig für deutlich beratungsintensivere Kunden. Der eigentliche Wettbewerb entscheidet sich damit weniger über den günstigsten Tarif als über Transparenz, Einordnung und langfristige Strategie.
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