BU-Versicherer unter Druck: Wird die Risikoprüfung zu weich?

In der Berufsunfähigkeitsversicherung verschärft sich die Debatte um Beitragsstabilität und Risikoprüfung. Das Analysehaus Franke und Bornberg warnt im aktuellen map-report vor einer möglichen Unterkalkulation bei einigen BU-Tarifen. Vor allem im Wettbewerb um attraktive Kundengruppen – etwa Akademikerinnen und Akademiker in Büroberufen – seien Beiträge teils so knapp kalkuliert, dass steigende Leistungsfälle künftig spürbare Auswirkungen auf die Zahlbeiträge haben könnten. Gleichzeitig sieht Analyst Reinhard Klages eine Entwicklung, die aus Sicht des Hauses zusätzlichen Sprengstoff birgt: Die Risikoprüfung werde an vielen Stellen schlanker, obwohl die Leistungsumfänge weiter steigen. Seltener angeforderte Arztberichte, verkürzte Gesundheitsabfragen oder höhere Schwellen für Nachweise seien laut Franke und Bornberg problematisch, weil dadurch kalkulationsrelevante Informationen verloren gehen könnten. Das Ziel: einfachere Abschlüsse. Das Risiko: langfristige Stabilitätsprobleme im Bestand.

Versicherer widersprechen den Vorwürfen deutlich

Die betroffenen Versicherer weisen die Kritik allerdings zurück. Gegenüber procontra betonen mehrere Anbieter, dass moderne Scoring-Modelle oder Günstigerprüfungen keineswegs Ausdruck einer laxeren Risikoprüfung seien. Die Nürnberger verweist darauf, dass Angaben zur Tätigkeit stets auf Plausibilität geprüft würden. Der Volkswohl Bund sieht im Scoring sogar Vorteile für Kunden mit geringem tatsächlichem Risiko, deren Berufsbezeichnung zunächst etwas anderes vermuten lasse. Auch die Kritik an Günstigerprüfungen stößt auf wenig Gegenliebe. Mehrere Versicherer argumentieren, dass berufliche Entwicklungen statistisch häufiger in risikoärmere Tätigkeiten führten und entsprechende Effekte längst einkalkuliert seien. „Eine Schieflage in der Kalkulation sehen wir vor diesem Hintergrund nicht“, erklärte eine Sprecherin der Barmenia-Gothaer gegenüber procontra. Zudem verweisen die Anbieter auf medizinischen Fortschritt und differenziertere Bewertungen – etwa bei psychischen Erkrankungen. Dadurch könnten heute mehr Menschen versichert werden, ohne die Kalkulation aus dem Gleichgewicht zu bringen.

Makler sehen differenzierten Markt – und Risiken bei Sonderaktionen

Auch spezialisierte BU-Makler widersprechen einer pauschalen Aufweichung der Risikoprüfung. Guido Lehberg von Die Versicherungsprofis GmbH beschreibt den Markt gegenüber procontra vielmehr als stark heterogen: Viele Versicherer hätten weiterhin sehr klare Zielgruppen und „Lieblingsberufe“. Tobias Bierl von der Finanzberatung Bierl sieht die größere Gefahr eher bei zeitlich begrenzten Sonderaktionen einzelner Versicherer. Dort würden bestimmte Gesundheitsfragen zeitweise entfallen – mit teils weitreichenden Folgen. Bierl schildert den Fall eines Kunden, der nach mehreren anonymen Risikovoranfragen zunächst überall abgelehnt worden sei. Durch eine Sonderaktion eines Versicherers, bei der die betreffende Diagnose nicht abgefragt wurde, kam der Vertrag dennoch zustande. Sechs Monate später trat bereits der Leistungsfall ein – die BU-Rente wurde ohne Beanstandung gezahlt. Für Bierl zeigt das die Kehrseite solcher Aktionen. Einerseits ermöglichen sie Zugang zu Absicherung, andererseits erhöhen sie potenziell den Druck auf das Versichertenkollektiv. Die Branche bewegt sich damit weiter auf einem schmalen Grat: zwischen Wettbewerb um Neugeschäft, vereinfachter Antragsstrecke und der Frage, wie stabil die Kalkulation langfristig wirklich bleibt.

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