Die geplante Anhebung der Jahresarbeitsentgeltgrenze (JAEG) auf voraussichtlich rund 84.800 Euro ab 2027 sorgt in der PKV-Branche zwar für Diskussionen – echte Alarmstimmung löst sie bei vielen Vermittlern jedoch nicht aus. Im Zuge der GKV-Reform soll die Versicherungspflichtgrenze zusätzlich zur regulären Anpassung um weitere 3.600 Euro steigen. Damit könnten künftig weniger Angestellte neu in die private Krankenversicherung wechseln, während manche bereits privatversicherte Arbeitnehmer theoretisch wieder versicherungspflichtig würden. Was auf den ersten Blick wie ein Dämpfer für das PKV-Neugeschäft wirkt, entpuppt sich in der Praxis offenbar als deutlich weniger dramatisch. Das zeigt eine Umfrage von procontra unter mehreren spezialisierten PKV-Maklern. „Es gibt bei uns dadurch keinen Verlust“, sagt etwa der Stralsunder Versicherungsmakler und PKV-Experte Sven Hennig. Seine Zielgruppe liege ohnehin meist klar oberhalb der diskutierten Einkommensgrenzen. Betroffen seien eher Vermittler mit stark preissensibler Kundschaft. Auch Markus Kopka aus Grasbrunn bei München sieht die Entwicklung nüchtern: Seine Neukunden seien überwiegend Selbstständige, Freiberufler und Beamte – also Gruppen, deren Zugang zur PKV nicht von der JAEG abhängt.
Reformdebatte sorgt teils für mehr PKV-Anfragen
Bemerkenswert ist dabei eine Entwicklung, die fast wie eine politische Gegenbewegung wirkt: Während die Reform eigentlich den Zugang zur PKV erschweren soll, berichten einzelne Vermittler sogar von steigender Nachfrage. „Seit die Reform durch die Medien geht, kommen über unsere Webseite spürbar mehr Anfragen rein“, erklärt Markus Kopka. Offenbar wächst bei vielen gesetzlich Versicherten die Sorge, dass die GKV weiter unter finanziellen Druck gerät. Ein System, das Stabilität verspricht, sendet plötzlich Signale der Unsicherheit aus – und genau daraus könnte die PKV zusätzlichen Rückenwind ziehen. Walter Benda, PKV-Spezialist aus Köln, erwartet zwar grundsätzlich eine gewisse Erschwernis im Vertrieb durch die höhere Versicherungspflichtgrenze. Gleichzeitig glaubt er jedoch, dass mögliche Leistungskürzungen in der gesetzlichen Krankenversicherung diesen Effekt „wahrscheinlich überkompensieren werden“. Die Debatte um Selbstbeteiligungen, steigende Beiträge und Leistungseinschränkungen wirkt damit wie ein Katalysator für Beratungsgespräche rund um private Absicherung und Zusatzversicherungen.
Von hektischen Kurswechseln im Geschäftsmodell halten die meisten Vermittler dennoch wenig. Zusatzversicherungen seien längst integraler Bestandteil der Beratung, ein strategischer Umbau daher nicht notwendig, lautet der Tenor. „Es macht keinen Sinn, das Hauptgeschäft nach jeder politischen Entscheidung neu auszurichten“, sagt Kopka.
Branche bleibt gelassen
Ähnlich argumentiert auch der Dortmunder Versicherungsmakler Mike Wittmann. Ergänzungsversicherungen für GKV-Versicherte oder Heilfürsorge seien bereits heute fester Bestandteil seines Beratungsansatzes. Entsprechend gelassen bewerten viele Makler auch das mögliche Stornorisiko im Bestand. Hintergrund ist die gesetzliche Möglichkeit, sich innerhalb von drei Monaten von einer eintretenden Versicherungspflicht befreien zu lassen. „Diese Sorge wird in der Branche manchmal größer geredet als sie ist“, meint Kopka. Sven Hennig verweist zudem darauf, dass der aktuelle Gesetzentwurf Bestandskunden ausdrücklich schützen soll: Die außerordentliche Anhebung der JAEG würde demnach nicht automatisch für bereits privatversicherte Kunden gelten. Unter dem Strich bleibt die Branche daher erstaunlich ruhig – nicht trotz der Reform, sondern gerade wegen der wachsenden Verunsicherung rund um die Zukunft der gesetzlichen Krankenversicherung.
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