Die aktuelle WDR-Sendung „Echt?“ nimmt die Schadenregulierung der Kfz-Versicherer ins Visier – und der Vorwurf hat es in sich: Werkstattrechnungen sollen nach Darstellung des Verbraucher- und Reportagemagins systematisch gekürzt werden, um Kosten zu senken. Im Mittelpunkt der Recherche steht dabei die Frage, ob Versicherer bei Haftpflichtschäden gezielt an der Regulierungsschraube drehen, während die Branche gleichzeitig unter massivem wirtschaftlichem Druck steht. Besonders brisant: Laut Henning Hamann, Geschäftsführer einer großen Verkehrsanwaltskanzlei, habe das Vorgehen inzwischen „System“. Gegenüber dem WDR erklärte er, Versicherer hätten offenbar kalkuliert, ab welcher Summe Geschädigte den Rechtsweg scheuen würden. Deshalb bewegten sich Kürzungen häufig „in dem Bereich um 350 Euro“. Nach Einschätzung Hamanns würden mittlerweile in rund 80 Prozent der Schadenfälle Rechnungen gekürzt.
Dienstleister und Aufsicht geraten in den Fokus
Im Zuge der Recherchen rückte auch das Unternehmen Controlexpert in den Fokus. Der Dienstleister überprüft im Auftrag von Versicherern Gutachten und Werkstattrechnungen – ein Geschäftsmodell, das in der Branche seit Jahren etabliert ist, nun aber erneut kritisch diskutiert wird. Während Kritiker von standardisierten Kürzungsmechanismen sprechen, weist Controlexpert die Vorwürfe laut WDR entschieden zurück. Genau an diesem Punkt zeigt sich die Spannungsachse des Marktes: Auf der einen Seite der Anspruch schneller und wirtschaftlicher Schadenbearbeitung, auf der anderen Seite der Vorwurf, berechtigte Forderungen würden systematisch beschnitten. Die Finanzaufsicht Bafin beobachtet die Entwicklung inzwischen genauer. Gegenüber procontra erklärte die Behörde zwar, es gebe derzeit „keine Anhaltspunkte“, dass Versicherer Leistungen bei Kfz-Haftpflichtschäden systematisch unzulässig kürzten. Gleichzeitig machte die Aufsicht aber deutlich, man nehme die Vorwürfe ernst. Kürzungen, die nicht mit höchstrichterlicher Rechtsprechung vereinbar seien, werde man im Rahmen der Aufsichtstätigkeit nachgehen. Auch der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) erklärte auf Nachfrage von procontra, man habe „keine belastbaren Erkenntnisse“ über systematische Postenkürzungen.
Hoher Kostendruck belastet die Kfz-Sparte weiter
Dass die Diskussion gerade jetzt an Fahrt gewinnt, kommt nicht zufällig. Die Kfz-Versicherung zählt seit Jahren zu den wirtschaftlich angespanntesten Sparten der deutschen Assekuranz. Explodierende Ersatzteilpreise, höhere Werkstattkosten und steigende Schadenaufwendungen hatten zahlreiche Versicherer tief in die roten Zahlen gedrückt. Erst zuletzt gelang vielen Gesellschaften die Rückkehr in die Gewinnzone – allerdings eher mit angezogener Handbremse als mit Jubelsprüngen. Die deutlichen Beitragsanpassungen der vergangenen Jahre zeigen, wie groß der Druck in der Sparte geworden ist. Der GDV rechnet trotz leichter Entspannung weiterhin mit hohen Belastungen.
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