Riester-Reform beschlossen: Vermittler sollen jetzt handeln – und nicht erst 2027

Die Riester-Reform ist politisch durch: Nachdem bereits der Bundestag zugestimmt hatte, gab nun auch der Bundesrat grünes Licht für die Neuausrichtung der geförderten privaten Altersvorsorge. Ab 2027 startet damit eine neue Produkt- und Förderwelt rund um das geplante Altersvorsorgedepot. Für Vermittler bedeutet das allerdings keineswegs, erst einmal abzuwarten – im Gegenteil. Genau davor warnten Kristina Obermeier, Director Broker Sales bei Jung, DMS & Cie. (JDC), und Stephan Obermeier, Vertriebsdirektor und Prokurist bei den WWK Versicherungen, während einer gemeinsamen Webkonferenz des Maklerpools. Ihre Botschaft fiel deutlich aus: Wer heute nicht aktiv berät, könnte morgen Marktanteile an Neobroker verlieren, die sich bereits positionieren. Zwischen digitaler Angriffslust der neuen Anbieter und der klassischen Bestandsberatung entsteht damit ein Spannungsfeld, das die Branche bis 2027 beschäftigen dürfte.

Bestandsschutz bleibt – doch alte Riester-Verträge könnten zum Trumpf werden

Ein zentraler Baustein der Reform ist der Bestandsschutz für bestehende Riester-Verträge. Kunden dürfen ab 2027 freiwillig in das neue System wechseln, verpflichtet werden sie dazu jedoch nicht. Laut Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) soll die Übertragung des angesparten Kapitals ohne Verlust staatlicher Zulagen möglich sein. Gleichzeitig deckelt der Gesetzgeber die Wechselkosten auf jeweils 150 Euro für den abgebenden und den aufnehmenden Anbieter. Trotzdem warnen sowohl der GDV als auch die Experten von WWK und JDC vor vorschnellen Vertragsumdeckungen. Denn viele Altverträge besitzen Eigenschaften, die in der neuen Produktwelt kaum noch zu finden sein dürften: Garantiezinsen von mehr als drei Prozent, stabile Rentenfaktoren und teils attraktive Schlussüberschüsse. Was auf den ersten Blick wie ein verstaubtes Vorsorgeprodukt wirkt, könnte sich langfristig als renditestarker Sicherheitsanker entpuppen. Stephan Obermeier stellte deshalb auf der Webkonferenz klar: „Für Kunden mit bestehendem Riester-Vertrag sehen wir derzeit keinen akuten Handlungsbedarf.“ Statt hektischer Wechsel gehe es vielmehr darum, Orientierung zu geben und Bestände aktiv zu sichern. Besonders profitieren könnten laut GDV Kunden mit langer Restlaufzeit, mehreren Kindern oder hohem Garantiezinsniveau. Genau dort zeigt sich die Antithese der Reform besonders deutlich: Modernisierung auf politischer Ebene bedeutet nicht automatisch Verbesserung auf Kundenseite.

Neue Förderlogik sorgt für Beratungsbedarf – und für neue Risiken

Auch die künftige Förderstruktur sorgt in der Branche für Diskussionen. Während sich die bisherige Riester-Förderung überwiegend am Einkommen orientiert, soll künftig stärker der Eigenbeitrag im Mittelpunkt stehen. Das neue System könnte dadurch zwar einfacher wirken, automatisch attraktiver wird es laut GDV aber keineswegs. Entscheidend bleibe die individuelle Situation des Kunden – also Einkommen, Kinderzahl, Förderstatus und Sparleistung. WWK-Vertriebsdirektor Obermeier betonte entsprechend, dass die Beratung künftig noch präziser werden müsse. Hinzu kommt ein Punkt mit erheblicher Tragweite: Nach aktuellem Stand soll der Wechsel in die neue Förderwelt unwiderruflich sein. Ein einmal vollzogener Schritt zurück in das alte System wäre damit ausgeschlossen. Gleichzeitig fallen laut GDV künftig optionale Zusatzbausteine weg. Weder ein Berufs- oder Erwerbsunfähigkeitsschutz noch ein Hinterbliebenenschutz sollen künftig mit dem Altersvorsorgeprodukt kombinierbar sein. Gerade für Familien könnte das zur Achillesferse der Reform werden. Besonders sensibel bleibt zudem die Lage bei mittelbar geförderten Personen, etwa Ehepartnern ohne eigenes förderfähiges Einkommen. Hier könnten Wechselentscheidungen direkte Auswirkungen auf bestehende Förderansprüche haben – ein Detail, das im Vertrieb leicht übersehen wird, aber erhebliche finanzielle Folgen haben kann.
Trotz der beschlossenen Reform sehen die Experten weiterhin Chancen im Riester-Neugeschäft bis einschließlich 2026. Vor allem sicherheitsorientierte Kunden könnten laut WWK noch von einem Abschluss profitieren, um sich die aktuelle Förderung sowie bestehende Garantien langfristig zu sichern. Für kapitalmarktorientierte Anleger ohne Garantiewunsch könne dagegen ein Abwarten auf die neue Produktwelt sinnvoller sein – auch mit Blick auf mögliche Storno-Risiken. Einigkeit herrschte auf der JDC-Webkonferenz vor allem in einem Punkt: Vermittler sollten ihre Riester-Kunden jetzt aktiv ansprechen. „Wer jetzt noch abwartet, wird später hinterherlaufen“, sagte Kristina Obermeier. Die Reform werde damit weniger zum Endpunkt der Riester-Rente als vielmehr zum Startschuss für einen neuen Verdrängungswettbewerb in der Altersvorsorgeberatung.

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