Altersvorsorge-Reform: Milliardenpotenzial – Versicherer unter Druck
Die Reform der staatlich geförderten privaten Altersvorsorge könnte der Finanzbranche in den kommenden Jahren ein Neugeschäft in zweistelliger Milliardenhöhe bescheren – so die aktuelle Einschätzung der Ratingagentur S&P. Konkret beziffert S&P-Direktor Johannes Bender das jährliche zusätzliche Marktvolumen nach einer Übergangsphase von 12 bis 24 Monaten auf 26 bis 56 Milliarden Euro. Wer profitiert? Laut Bender vor allem Banken, Versicherer und Asset Manager gleichermaßen – doch die Verteilung bleibt offen. Denn: Produktdesign, Vertriebskraft und Kundenakzeptanz sind noch Variablen mit hohem Unsicherheitsfaktor.
Marktanteile im Wandel: Versicherer verlieren ihre Komfortzone
Klar ist aus Sicht von S&P jedoch eines: Die Versicherer werden ihre dominante Rolle aus dem Riester-System – rund zwei Drittel Marktanteil – voraussichtlich nicht halten können. Die Reform öffnet den Markt: niedrigere Garantien von 80 Prozent oder sogar komplett garantiefreie Produkte, ein Kostendeckel von 1 Prozent für Standardprodukte und zusätzlich ein staatlich organisiertes Angebot. Wettbewerb wird damit nicht nur ermöglicht, sondern bewusst forciert – ein Paradigmenwechsel. Antithese der bisherigen Logik: Wo früher Sicherheit dominierte, rückt nun Flexibilität in den Vordergrund. Ergänzt wird dies durch neue Auszahlungsoptionen – etwa befristete Entnahmepläne bis mindestens zum 85. Lebensjahr statt klassischer lebenslanger Renten.
Storno-Risiken und strategische Antworten der Versicherer
Mit den neuen Optionen steigt auch das Risiko von Vertragsumschichtungen: Riester-Sparer könnten ihre bestehenden Verträge in neue Modelle übertragen. Johannes Bender sieht darin zwar ein Risiko, schätzt dieses aber als begrenzt ein – unter anderem wegen des überschaubaren Gesamtvolumens und der Möglichkeit für Versicherer, eigene Alternativangebote zu platzieren. Die Branche steht damit vor einer strategischen Weggabelung: Rückzug oder Neupositionierung. Bender empfiehlt Letzteres – mit Fokus auf klassische Stärken wie Garantieprodukte und lebenslange Renten. Gleichzeitig kritisiert die Branche, dass befristete Auszahlungsmodelle bis 85 Jahre nicht demografischen Realitäten entsprechen. Steigende Lebenserwartung trifft hier auf begrenzte Leistungsdauer – ein Spannungsfeld, das künftig nicht für Jubelsprünge sorgen dürfte.
