Riester-Rente vor Reform 2027: Vermittlung noch sinnvoll?
Anfang 2027 soll die Reform der privaten Altersvorsorge in Kraft treten – und genau jetzt entzündet sich eine kontroverse Debatte darüber, ob Riester-Verträge nach altem Recht noch vermittelt werden sollten: Während Martin Gattung (Aeiforia GmbH) dies als strategische Chance bewertet, warnt Hartmut Walz (Hochschule für Wirtschaft und Gesellschaft Ludwigshafen) eindringlich vor Fehlanreizen im Vertrieb. Gattung argumentiert, dass Riester-Produkte aktuell noch klare regulatorische Rahmenbedingungen, staatliche Zulagen sowie steuerliche Vorteile bieten – ein kalkulierbares Instrument in der Vorsorgeberatung. Gerade im Vorfeld einer Reform, deren Details in Teilen noch offen sind, könne es sinnvoll sein, bestehende Fördermechaniken aktiv zu nutzen, statt auf zukünftige Modelle zu spekulieren.
Der Übergang: eine Phase mit doppeltem Boden – oder ein trügerisches Zeitfenster? Fakt ist: Ab 2027 sollen unter anderem eine Zwei-Verträge-Grenze sowie neue Beitragshöchstgrenzen von 6.840 Euro greifen. Die Konsequenz ist technisch, aber gravierend: Weitere Verträge würden steuerlich wie ungeförderte Produkte der dritten Schicht behandelt – ohne Zulagen, ohne Sonderausgabenabzug. Heute hingegen besteht noch Gestaltungsspielraum, etwa durch den parallelen Aufbau mehrerer Verträge oder flexible Einzahlungen. Für Berater entsteht daraus ein Spannungsfeld: nutzen, was noch möglich ist – oder bereits antizipieren, was bald entfällt.
Pro-Argument: Planungssicherheit trifft auf lebenslange Rentenleistung
Gattung betont insbesondere die lebenslange Rentenphase als zentrales Leistungsmerkmal: ein stabiler Rentenfaktor, planbare Auszahlungen – klassische Versicherungsmathematik, die Sicherheit suggeriert. Gerade Familien und Haushalte mit mittleren Einkommen profitieren laut seiner Einschätzung weiterhin überproportional von Zulagen und steuerlichen Effekten. Altersvorsorge dulde keinen Aufschub, so die Argumentation: Jeder nicht genutzte Förderzeitraum reduziert Kapitalaufbau und spätere Leistungen. Gleichzeitig öffnet die Reform neue Fragenräume: Wie werden Überzahlungen gehandhabt? Welche steuerlichen Effekte ergeben sich in der Auszahlungsphase? Und: Wird der Versicherungscharakter – also die lebenslange Leistung – künftig überhaupt noch in dieser Form bestehen bleiben? Die Reform verspricht mehr Renditechancen, aber auch weniger Garantien. Sicherheit versus Flexibilität – ein klassischer Zielkonflikt, der sich im Riester-System nun zuspitzt.
Contra-Position: Hohe Kosten, schwache Renditen und systemische Kritik
Walz hingegen zeichnet ein deutlich kritischeres Bild – gestützt auf Studien wie jene von Finanzwende („Riester- und Rürup-Renten: Leider teuer“): Demnach verschlingen Kostenstrukturen bis zu 45 Prozent der eingezahlten Beiträge. Ein System, das eigentlich fördern soll, wird so zum Kostentreiber – ein „Bürokratiemonster“, wie Walz es formuliert. Die gesamtwirtschaftliche Effizienz: aus seiner Sicht nicht gegeben. Die Antithese könnte kaum schärfer sein: staatlich gefördert – aber individuell unattraktiv; politisch gewollt – aber ökonomisch fragwürdig. Besonders kritisch sieht Walz die Rentenphase: Laut Studie müssten Versicherte im Schnitt 99 Jahre alt werden, um die reale Kaufkraft ihrer Einzahlungen zu erreichen. Die oft im Vertrieb hervorgehobenen Vorteile für kinderreiche Geringverdiener relativieren sich zudem, sobald Einkommen steigt und Eigenbeiträge zunehmen – so Walz. Seine Schlussfolgerung ist entsprechend deutlich: Wer jetzt noch Riester vermittelt, handele zwar legal, aber „krass unethisch“.
