Versicherungsberatung: Nettotarife bleiben Ladenhüter
Aktuelle Zahlen aus dem Institut für Versicherungswissenschaft an der Uni Köln zeigen: Nettotarife spielen im deutschen Versicherungsmarkt weiterhin kaum eine Rolle. Die vierte Ausgabe der Studie „Nettotarifangebot deutscher Versicherungsunternehmen“ von Matthias Beenken und Heinrich R. Schradin belegt, dass Verbraucher selten Policen ohne eingepreiste Courtage wählen – trotz jahrelanger Förderung durch Politik und Verbraucherschutz. Beim Nettotarif zahlt der Kunde ein separates Beratungshonorar statt Abschlussprovision. Die Idee: mehr Transparenz, weniger Interessenkonflikte. Die Praxis: minimale Nachfrage. Laut Studie stehen 178.460 Vermittlern lediglich 331 Versicherungsberater auf Honorarbasis gegenüber. Im Neugeschäft erreichen Nettopolicen nur 6,5 Promille in der Lebensversicherung, 4,7 Promille in der Krankenversicherung und 0,6 Promille in der Kompositversicherung. Makler könnten zwar gegen Honorar beraten, doch nur sofern entsprechende Tarife existieren – ein Angebot, das vorhanden, aber kaum genutzt wird.
Skepsis der Versicherer und mögliche Risiken
Für die Untersuchung wurden 25 Versicherer befragt; 82 Prozent arbeiten mit Maklern zusammen, 13 bieten Nettotarife an. Trotzdem bleibt die Nachfrage schwach. Gleichzeitig kontrollieren Versicherer laut Beenken und Schradin selten, wie diese Tarife vertrieben werden – mit möglichen Reputations- und Haftungsrisiken, weil Kunden Vermittler und Versicherer nicht trennen. Fast drei Viertel der Unternehmen halten Honorarberatung vor allem für wohlhabende Kunden geeignet. Ein Versicherer erklärt laut Studie: „Honorarberatung setzt sich nicht durch, da Endkunden den Wert einer Beratung nicht wertschätzen können.“ Ein anderer spricht von „sehr überschaubarem Kundeninteresse“.
Kostenfrage und soziale Wirkung
Hinzu kommen Kosten für neue Tarife bei gleichzeitigem regulatorischem Druck auf Abschlusskosten. Viele Versicherer sehen deshalb eine soziale Schieflage: Separate Honorare könnten Haushalte mit geringerem Einkommen vom Abschluss abhalten. Ein befragtes Unternehmen warnt: „Eine Umstellung auf Honorar statt Provision/Courtage hätte eine erhebliche Unterversicherung vieler Haushalte zur Folge.“ Damit bleibt der Markt widersprüchlich: politisch gewünscht, praktisch gemieden – Transparenz gewinnt an Bedeutung, doch Abschlussbereitschaft verliert.
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