Angesichts zunehmender Extremwetterschäden und wachsender Risiken für Wohngebäude drängt der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) auf ein neues Gesamtkonzept für den Elementarschutz. Im Zentrum steht eine solidarische Elementarschutzabgabe, die flächendeckenden Versicherungsschutz mit Opt-out, Prävention und Klimafolgenanpassung kombinieren soll. Der Handlungsdruck ist hoch: Rund 400.000 Wohngebäude liegen laut GDV in Hochrisikozonen – an Flüssen, in Senken oder in Regionen mit ausgeprägtem Starkregenrisiko. Ohne strukturelle Lösung drohe Unversicherbarkeit oder eine Überforderung einzelner Eigentümer. Kern des Modells ist „Elementar Re“, ein Rückversicherungskonzept, das besonders exponierte Risiken bündelt und Prämien deckelt. „Viele zahlen sehr wenig, damit wenige nicht unbezahlbar viel zahlen müssen“, beschreibt GDV-Vizehauptgeschäftsführerin Anja Käfer-Rohrbach das Prinzip gegenüber procontra. Wettbewerb und risikogerechte Prämien sollen für die breite Masse erhalten bleiben, während Extremrisiken gezielt stabilisiert werden. Gleichzeitig betont der GDV: Ohne verbindliche Prävention, klare Bauleitplanung und politische Verantwortung könne auch dieses Modell langfristig nicht tragen.
Kritik von Haus & Grund: Pflichtversicherung durch die Hintertür?
Deutlichen Widerspruch äußert Haus & Grund Deutschland. Präsident Dr. Kai Warnecke warnt davor, dass eine solidarische Umlage faktisch auf eine Pflichtversicherung hinauslaufe. Wer nicht im Risikogebiet wohne und über Jahre in Eigenvorsorge investiert habe, müsse dennoch dauerhaft mitzahlen. Das entkoppele Risiko von Verantwortung und schwäche zentrale Steuerungsmechanismen des Versicherungsmarktes. Warnecke sieht vor allem Fehlanreize: Gedeckelte Prämien nähmen den Druck zur Prävention, sowohl bei Eigentümern als auch bei Kommunen, die weiterhin Baugebiete in gefährdeten Lagen ausweisen könnten. Die Rechnung werde am Ende auf alle verteilt. Statt pauschaler Umlagen fordert Haus & Grund zielgenaue Lösungen: politische Verantwortung bei Ländern und Kommunen, verbindliche Vorgaben für Bauleitplanung und Starkregenvorsorge sowie individuelle Präventionsmaßnahmen dort, wo Risiken entstehen. Solidarität dürfe nicht bedeuten, Vorsorge zu entwerten und Fehlentscheidungen zu belohnen.
Zwischen Stabilität und Fehlsteuerung: Die offene Grundsatzfrage
Die Debatte zeigt den zentralen Zielkonflikt der Elementarschadenversicherung: Systemstabilität versus Risikogerechtigkeit. Befürworter sehen in der solidarischen Abgabe einen marktkonformen Weg, Extremrisiken abzufedern und bezahlbaren Schutz zu sichern. Kritiker warnen vor einer Verwässerung von Präventionsanreizen und einer Verlagerung politischer Verantwortung. Einig sind sich beide Seiten nur in einem Punkt: Ohne konsequente Prävention, belastbare Daten und klare Zuständigkeiten wird kein Modell dauerhaft funktionieren. Ob die solidarische Elementarschutzabgabe am Ende Lösung oder Teil des Problems ist, bleibt damit eine politische – und versicherungsökonomische – Grundsatzentscheidung.
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