Wer heute über Altersvorsorge spricht, landet schnell beim ETF-Sparplan – und genauso schnell bei der Frage, ob klassische Lebensversicherungen überhaupt noch zeitgemäß sind. Doch Jürgen Bierbaum dreht im Gespräch mit procontra die Perspektive um: Nicht die Police müsse sich rechtfertigen, sondern der Auszahlplan. Seine Kernthese als Aktuar: Altersvorsorge ist kein „Kapitaltopf“, sondern Einkommen bis zum Lebensende – und das könne verlässlich nur die Leibrente liefern. Denn niemand weiß, wie lange er lebt. Wer sich im Ruhestand das Geld selbst über einen Auszahlplan einteilt, muss permanent haushalten: Zahlt man zu schnell aus, droht „Lebenszeit ohne Geld“, zahlt man zu vorsichtig, bleibt am Ende „Geld ohne Lebenszeit“ – eine Antithese, die in der Praxis mehr als ein rhetorischer Trick ist.
Leibrente statt Selbstüberschätzung: Warum Fonds-Policen wieder zulegen
Bierbaum sieht zwar den Trend zu mehr Selbstentscheidern – Vergleichsportale, Trading-Apps, maximale Flexibilität. Trotzdem beobachtet er nach eigenen Worten seit Jahren wachsende Stückzahlen bei privaten Rentenversicherungen, insbesondere bei fondsgebundenen. Das sei ein Hinweis: Die Gruppe, die die Auszahlung eben nicht auf eigene Faust steuern will, sei „gar nicht so klein“. Für alle anderen hat er eine klare Empfehlung: Die eigene Kompetenz nicht überschätzen – und sich für die lebenslange Rente entscheiden, die Versicherer anbieten. Gleichzeitig räumt Bierbaum ein, dass auch die Privatrente nicht jede Konstellation perfekt abbildet: Aus seiner Sicht ließe sich das Modell verbessern, wenn der Gesetzgeber stärker schwankende Leibrenten zuließe. Dann könnte man bis zu einem wahrscheinlicheren Lebensalter höher auszahlen und später niedriger – eine entstehende Lücke ließe sich laut Bierbaum über eine separate Sofortrente schließen, finanziert aus einem zuvor zurückgelegten Kapitalteil.
Garantien, Versicherungsmantel und Kosten: Wo die Police punkten kann – und wo es eng wird
Die klassische „Garantie“-Erzählung der Lebensversicherer wirkt bei einem Garantiezins von 1,0 Prozent und Inflation auf den ersten Blick nicht gerade wie ein Verkaufsschlager. Bierbaum argumentiert differenzierter: Wer an ETFs glaubt, könne auch im Versicherungsmantel in ETFs ansparen. Dieser Mantel habe Vorteile – nicht als Renditebooster, sondern als Flexibilitäts- und Prozessvorteil. Beispiel: Wird dem Kunden die Börse zu volatil, kann er Kapital im Versicherungsmantel typischerweise ohne Kapitalertragsteuer und ohne Transaktionsgebühren zwischen Fonds und Sicherungsvermögen umschichten, während im Depot steuerliche und gebührenseitige Reibung entstehen kann. Garantien bewertet Bierbaum ebenfalls nicht als Allheilmittel, sondern eher als Beitragserhalt-Mechanik: Eine Police könne etwa 70 oder 80 Prozent der eingezahlten Beiträge garantieren – und damit einen Sicherheitsboden legen, ohne die Renditechancen am Aktienmarkt komplett zu kappen.
Quelle
