Automatisierung gewinnt Tempo – erste Einschnitte sichtbar
Der verstärkte Einsatz von Künstlicher Intelligenz verändert aktuell spürbar die Beschäftigungsstrukturen in der deutschen Versicherungsbranche. „Wir wissen nicht, wie schnell Arbeitsplätze durch einen stärkeren KI-Einsatz ersetzt werden. Aber es ist davon auszugehen, dass diese Entwicklung schneller wirkt als frühere Strukturbrüche“, sagt der frühere Zurich-Manager Alexander Bernert, heute Berater der Branche. Sichtbar wird das bei Allianz Partners, einer Tochter des Allianz-Konzerns: Dort sollen nach Medienberichten innerhalb von zwölf bis 18 Monaten mehr als 1.500 Stellen wegfallen, vor allem bei standardisierten Tätigkeiten im Callcenter. Offiziell bestätigt wurde das nicht, eine Sprecherin räumte jedoch ein: „Es ist unvermeidlich, dass sich unser Geschäft in dieser neuen Realität verändern wird.“
Demografie versus Dynamik der KI
Viele Versicherer verweisen bislang auf einen vermeintlichen Ausgleich: Rund 40 Prozent der Beschäftigten sind über 50 Jahre alt, zahlreiche Mitarbeitende gehen in den kommenden Jahren in Rente. KI ersetze, so das Argument, vor allem altersbedingte Abgänge. Doch diese Rechnung könnte zu optimistisch sein. Ein Brancheninsider sagt, KI-Anwendungen hätten sich „schneller und besser entwickelt, als man es in vielen Vorständen erwartet hat“. Simon Moser, Gründer des Start-ups Muffintech, sieht gerade im daten- und dokumentenintensiven Versicherungsgeschäft enormes Automatisierungspotenzial. Schon heute übernehmen KI-Systeme Dokumentenprüfungen, Schadenbearbeitung, Betrugserkennung oder den telefonischen Kundenservice – bei Allianz Partners demonstrierte Vorstandschef Tomas Kunzmann, wie ein KI-Assistent Hunderte Anrufe parallel und mehrsprachig abwickelt.
Zwischen Beschwichtigung und strukturellem Druck
Gewerkschaftsvertreter warnen vor Verharmlosung. Martina Grundler von Verdi hält es für wahrscheinlich, dass „mehr Stellen abgebaut werden, als Mitarbeiter in Rente gehen“. Intern kursieren laut Branchenkreisen Schätzungen von bis zu 30 Prozent potenziell betroffener Jobs. Unternehmen wie Munich Re betonen dagegen, dass Transformationsprogramme und KI-Einsatz nicht zwangsläufig mit Stellenstreichungen verbunden seien. Auch Signal Iduna und die Versicherungskammer Bayern verweisen auf den demografischen Wandel und sprechen von KI als „Partner“ der Belegschaft. Klar ist jedoch: KI verändert Kostenstrukturen und erhöht den Effizienzdruck. Der Bedarf an Fachkräften bleibt, dürfte aber sinken – während Qualifizierung, Flexibilität und neue Kompetenzprofile an Bedeutung gewinnen.
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