Tradition unter Druck: Wie kleine Versicherungsvereine mit Konsolidierung, Digitalisierung und neuen Kundenanforderungen umgehen

Die Konsolidierungswelle der vergangenen Jahre hat vor allem eines gezeigt: Größe wird in der Versicherungswirtschaft zunehmend zum strategischen Vorteil. Während sich große Marktteilnehmer zusammenschließen, stellt sich die Frage, wie hyperlokale Versicherungsvereine auf Gegenseitigkeit überleben können – jene kleinen, oft jahrhundertealten Anbieter, die vor allem im nord- und westdeutschen Raum bis heute Häuser, Scheunen oder Hausrat ihrer Mitglieder schützen. Die Gribbohmer Medardus Gilde etwa, nur wenige Meter Luftlinie vom bekannten Festivalgelände in Wacken entfernt, kämpft mit einem veralteten Bestand und den Folgen des Strukturwandels in der Landwirtschaft: 62 Mitglieder verlor der Verein allein im Jahr 2024. Geschäftsführer Matthias Liskow verweist auf den demografischen Wandel – 54 „natürliche Abgänge“ – und auf den Rückzug kleiner landwirtschaftlicher Betriebe. Um gegenzusteuern, setzt die Gilde auf neue Geschäftsfelder: Eine 1992 gegründete Mehrfachagentur und eine seit 2020 aktive Finanzanlagenberatung sollen jüngere Zielgruppen ansprechen.

Der Vorteil der Kleinen liegt laut Liskow jedoch im Schadenfall: „Wir sind ein echtes Speedboat“, sagt er – schnelle Regulierung ohne komplexe Abstimmungsprozesse. Gleichzeitig profitiert der Verein beim Fachkräftemangel von seiner familiären Struktur, die Beschäftigte anzieht, die bei großen Versicherern eher das „Miteinander“ vermissen. Ab 2026 wächst der Verein zudem durch die Übernahme der Glasschutzkasse a.G. von 1923 Hamburg um weitere 600 Mitglieder.

Kooperation und gemeinsame Ressourcen als Zukunftsmodell

Auch der Schleswiger Versicherungsverein, mit rund 17.600 Mitgliedern deutlich größer als viele andere kleine Anbieter, sieht sich mit denselben strukturellen Herausforderungen konfrontiert: verändertes Kundenverhalten, regulatorischer Druck, lokal konzentrierte Kumulrisiken. Geschäftsführer Thomas Chrismann setzt daher auf neue betriebliche Modelle – vor allem auf Kooperation. Mit der Gründung eines Assekuradeurs soll der Schleswiger künftig im zweiten Risikoträger-Glied agieren, Risiken breiter streuen und Deckungsbausteine stabiler kalkulieren können. Parallel plant Chrismann einen „Synergy-Hub“, der zentrale Funktionen – Datenschutz, Informationssicherheit oder Geldwäscheprävention – für mehrere kleine Versicherer bündeln soll. Der Vorteil liegt auf der Hand: weniger redundante Stabsstellen, geringere Fixkosten und Zugang zu Expertise, die einzelne Vereine nicht selbst vorhalten könnten. „Für mich heißt Zukunftsfähigkeit nicht Größe, sondern die Bereitschaft zur Veränderung und die Fähigkeit, Chancen früh zu erkennen“, betont Chrismann. Eine bemerkenswerte Antithese zur weit verbreiteten Marktlogik, nach der Größe nahezu automatisch mit Stärke gleichgesetzt wird. Auch beim Thema Künstliche Intelligenz plädiert Chrismann für gemeinsame Lösungen statt Insellösungen – kollektive Plattformen seien effizienter als Einzelstrategien, die viel Zeit und Ressourcen binden würden.

Inselökonomie und Identität: Warum manche Kleinstversicherer sogar wachsen

Ein gänzlich anderes Bild zeigt sich auf Föhr, wo die Gebäudeversicherungsgilde für Föhr, Amrum und die Halligen seit 1731 besteht und entgegen dem Branchentrend wächst. Geschäftsführer Christian Christiansen, der den Verein nahezu als One-Man-Show führt, berichtet von einer Verdreifachung der Mitgliederzahlen und Beitragseinnahmen von 2,7 Millionen Euro jährlich. „Von zehn neuen Gebäudeversicherungen auf den Inseln bekommen wir acht“, sagt Christiansen. Weder Werbung noch Kampfpreise seien der Grund – vielmehr eine gelebte Kultur des Zusammenhalts: schnelle Hilfe ohne bürokratische Hürden, präventive Maßnahmen bei drohenden Sturmschäden und eine enge Verbindung der Versicherten untereinander. Dass der Verein ein enorm konzentriertes Kumulrisiko trägt, sei bekannt; das Ausbleiben schwerer Schäden führt Christiansen auf die „kleinbürgerlichste Insel der Welt“ zurück – eine Community, die aufeinander achtet und ihre Häuser als wirtschaftliche Lebensgrundlage pflegt. Trotz aller Unterschiede eint die kleinen Versicherungsvereine eines: Sie stehen vor erheblichen Herausforderungen, doch sie verfügen über flexible Strukturen, tiefe lokale Verwurzelung und eine bemerkenswerte Anpassungsfähigkeit. Viele bestehen seit Jahrhunderten – und die Chancen stehen gut, dass weitere Jahrzehnte hinzukommen.

Quelle

 

 

 

 

In Kooperation mit der
INTER Versicherungsgruppe