Die Diskussion um Europäische Langfristfonds (ELTIF) erhält neue Dynamik, nachdem sowohl Branchenvertreter als auch Verbraucherschützer ihre Positionen geschärft haben. Während Sonja Knorr, Head of Alternative Investment Funds bei Scope, die Produkte als wichtigen Baustein für eine diversifizierte Altersvorsorge sieht, warnt Stephanie Heise von der Verbraucherzentrale NRW ausdrücklich vor „hohen Kosten und hohen Risiken“ für Privatanleger. Die Argumente könnten gegensätzlicher kaum sein: Auf der einen Seite stehen milliardenschwere Infrastrukturbedarfe – allein in Deutschland beziffert das Institut der deutschen Wirtschaft den Investitionsbedarf bis 2035 auf 600 Milliarden Euro –, auf der anderen Seite eine Zielgruppe, die laut Heise oft zu wenig Finanzbildung besitzt, um komplexe Privatmarktprodukte angemessen einzuschätzen. ELTIFs sollen Privatanlegern den Zugang zu Infrastruktur-, Private-Equity- und Unternehmensfinanzierungen erleichtern und damit stabile Cashflows erschließen, gleichzeitig aber gelten viele der enthaltenen Assets als illiquide und hochgradig intransparent. Knorr betont, dass eine „unkorrelierte Ergänzung zu öffentlichen Märkten“ möglich sei, mahnt jedoch, dass das Vertrauen der Anleger nicht durch überhöhte Gebühren oder minderwertige Portfolios gefährdet werden dürfe.
Boomender Markt: Wachstumserwartungen treffen auf strukturelle Hürden
Die Branche rechnet mit massivem Wachstum: Laut einer Scope-Umfrage vom Oktober erwartet mehr als die Hälfte der Marktteilnehmer eine Verdoppelung des ELTIF-Volumens bis 2027 – ein Trend, der durch den Einstieg von Onlinebrokern wie Trade Republic und Scalable Capital beschleunigt wurde. Kleinbeträge, digitale Convenience, flexible Liquiditätsversprechen: Die Verpackung wirkt modern, doch der Inhalt bleibt schwer verdaulich. Denn viele der mit ELTIF verbundenen Infrastrukturinvestments – Stromnetze, Rechenzentren, Häfen – lassen sich weder schnell veräußern noch krisenresistent bewerten. Die Regulierung versucht mit Liquiditätsmanagement-Werkzeugen gegenzusteuern, doch Heise warnt, dass selbst neue Evergreen-Strukturen ein „vermeintlich liquides Produkt“ versprechen, obwohl das Underlying oftmals langfristiger ist als klassische Immobilieninvestments. Hinzu kommen Kosten, die laut Scope bei durchschnittlich 1,9 Prozent Managementgebühr beginnen und bei Private-Equity-ELTIFs bis über drei Prozent steigen können – ergänzt durch Erfolgsbeteiligungen und Ausgabeaufschläge. Eine Belastung, die die Renditechancen deutlich schmälert und nach Einschätzung der Verbraucherzentrale NRW bei Privatanlegern in keinem Verhältnis zum Risiko steht.
Einordnung: Chancen für Vorsorgesysteme – Risiken für Kleinanleger
In der strategischen Makroperspektive könnten ELTIFs laut Knorr ein sinnvoller Baustein sein, um langfristige Infrastrukturinvestitionen mit langfristigem Altersvorsorgekapital zu verbinden – eine Logik, die auch die USA verfolgen, wo alternative Anlagen inzwischen für 401(k)-Pläne zugelassen wurden. Gleichzeitig bleibt aus Sicht der Verbraucherschützer die Gefahr einer Negativauswahl bestehen, bei der Privatanleger potenziell mit Projekten belastet werden, die professionelle Investoren meiden. Diese Antithese zwischen politisch gewünschter Kapitalmobilisierung und individuellem Anlegerschutz macht die Debatte so brisant. Während der Markt wächst und internationale Asset Manager verstärkt nach Deutschland drängen, bleibt eine zentrale Warnung bestehen: Für die breite Masse der Privatanleger sind nach Einschätzung der Verbraucherzentrale NRW breit gestreute Aktien-ETF weiterhin die geeignetere und risikoärmere Alternative.
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