Wohngebäudeversicherung 2025: Profitabilität unter Druck – Experten warnen vor veralteten Kalkulationsmodellen

Wohngebäudeversicherung rutscht erneut an die Belastungsgrenze
Die angespannte Lage in der Wohngebäudeversicherung spitzt sich Anfang 2025 weiter zu: Nachdem sich die Continentale bereits aus dem Neugeschäft für Makler und Mehrfachagenten zurückgezogen hat, kündigte nun auch die fusionierte Barmenia Gothaer eine umfassende Bestandsanierung an. Was dahintersteht, lässt sich an einer Kennzahl ablesen, die für gewöhnlich nur leise schwankt, 2023 laut Assekurata jedoch einen lauten Warnschuss lieferte: die Schaden-Kosten-Quote. Sie lag bei 100,9 Prozent – ein Wert, der trotz deutlicher Beitragsanhebungen kaum Spielraum für Rentabilität lässt. Experten wie Philipp Kaupke, Partner bei Simon-Kucher, sehen die Ursache in einem Mix aus Extremwetterereignissen, hohen Baukosten und Engpässen im Handwerk, der die Ausgabenseite Jahr für Jahr nach oben treibt. Während klassische Kalkulationsgrößen wie Baupreisindex und Anpassungsfaktor weiterhin automatisch steigen, verlieren sie laut Dirk Schmidt-Gallas, Senior Partner und Leiter der globalen Insurance-Practice bei Simon-Kucher, ihre Steuerungswirkung: „Wer nur auf Durchschnittswerte setzt, schaut im Rückspiegel – und riskiert eine Fehlsteuerung.“ Damit entsteht ein Spannungsfeld zwischen tariflicher Realität und Kundenerwartung, zwischen scheinbar stabilen Modellen und einer Praxis, die längst volatil geworden ist.

Regionale Kostenexplosion und starre Modelle: Warum die Kalkulation ins Rutschen gerät
Der Druck resultiert nicht nur aus wetterbedingten Schadenhäufungen, sondern auch aus Dynamiken, die auf dem Bau seit Jahren feststellbar sind: Lieferengpässe, steigende Energiepreise und der flächendeckende Fachkräftemangel haben die Kostenentwicklung beschleunigt. Beispiel Anpassungsfaktor: 2023 plus 14,7 Prozent, 2024 plus 7,5 Prozent, Anfang 2025 nochmals plus 2,5 Prozent auf 26,51 – Werte, die weit jenseits historischer Normalität liegen. Der Baupreisindex zieht parallel an. Das Problem: Automatische Anpassungen nach starren Modellen erzeugen eine Art „Schein-Optimierung“ – Kunden werden teils überfordert, Policen laufen in Unterversicherung, Tarife verzeichnen Verzerrungen. Gleichzeitig werden steigende Beiträge in der Vertriebsrealität häufig durch Rabatte neutralisiert, was laut Simon-Kucher jedoch lediglich Symptome kaschiert. Der Kontrast könnte kaum größer sein: Produkte, die sich theoretisch an steigende Risiken anpassen sollen, treffen in der Praxis auf Tarifstrukturen, die durch zu viele Nachlässe ausgehöhlt werden. Die Experten leiten daraus fünf Handlungsfelder ab – von regional differenzierter Kalkulation über dynamische Produktarchitekturen bis hin zu einer proaktiven, verständlichen Kundenkommunikation. Gerade Letztere gilt als entscheidend, weil nur nachvollziehbare Prämienanpassungen Akzeptanz erzeugen.

Neue Instrumente statt alter Reflexe: Wohin die Steuerung jetzt kippt
Um den Teufelskreis aus steigenden Schadenquoten, höheren Prämien und Rabattreflexen zu durchbrechen, empfehlen Kaupke und Schmidt-Gallas einen klaren Kurswechsel: weg von reaktiver Kalkulation, hin zu datenbasierten Prognosemodellen und belastbaren Szenarioanalysen. Regionale Kostencluster, modulare Produktdesigns und eine strategische Neuausrichtung der Portfolios sollen zukünftig die Basis bilden. Die Antithese zwischen Theorie und Praxis wird hier besonders sichtbar: Während die traditionellen Stellschrauben Anpassungsfaktor und Baupreisindex weiterhin relevant bleiben, reichen sie als alleinige Orientierung längst nicht mehr aus. Wer jetzt handelt, kann laut Simon-Kucher nicht nur seine Profitabilität stabilisieren, sondern auch Vertrauen zurückgewinnen – vorausgesetzt, die Produkte orientieren sich konsequent an Kundenerwartungen statt an internen Kalkulationslogiken. Die Branche steht damit an einem Punkt, an dem vorausschauende Steuerung mehr zählt als kleine Korrekturen. Versicherer, die diesen Kurs frühzeitig einschlagen, machen die Wohngebäudeversicherung widerstandsfähiger – und schaffen Raum für nachhaltige Marktstabilität.

Quelle

 

 

 

 

 

 

In Kooperation mit der
INTER Versicherungsgruppe