Wenn Wohlstand zur Sorge wird: Warum „Money Dysmorphia“ immer mehr Menschen verunsichert

Verzerrte Wahrnehmung trotz voller Konten: Finanzberater und Psychologen beobachten eine auffällige Zunahme sogenannter „Money Dysmorphia“ – eine finanzielle Selbstwahrnehmungsstörung, die besonders junge Menschen betrifft. Wie aus aktuellen Einschätzungen mehrerer Fachquellen hervorgeht, verkennen Betroffene ihre wirtschaftliche Lage massiv: Obwohl sie objektiv in stabilen oder sogar komfortablen Verhältnissen leben, empfinden sie akute Unsicherheit. Der New Yorker Psychiater Lanre Dokun, den Bankrate.com zitiert, spricht von einem „unklaren Selbstbild, ähnlich wie bei der Körperdysmorphie“. Statt eines realistischen Blicks auf Einkommen, Vermögen und Perspektiven entsteht ein Gefühl permanenter Bedrohung – eine Art finanzielle Antithese: äußerer Wohlstand trifft auf innere Armut. Die Wiesbadener Diplom-Psychologin Monika Müller, Gründerin von FCM Finanz Coaching, bestätigt den Begriff als „Kunstbegriff“, der jedoch im Extremfall „eine krankhafte Ausprägung annehmen“ könne. Besonders drastisch zeigt sich die Fehlwahrnehmung etwa bei Topmanagern, die trotz hoher Rücklagen und abbezahlter Immobilien nach einer Kündigung in existenzielle Panik verfallen. Laut Müller können sich solche Fehlinterpretationen verhärten und im schlimmsten Fall depressive Muster begünstigen.

Money Dysmorphia äußert sich in Fehlentscheidungen – vom übereilten Jobwechsel bis zur selbstauferlegten Askese. Müller berichtet von „Millionären, die sich selbst den kleinsten Luxus versagen – nicht aus Sparsamkeit, sondern aus innerem Zwang“. Damit schrumpft der Handlungsspielraum erheblich, während Unsicherheit zunimmt. Eine solide Finanzplanung scheint zwar naheliegend, hilft jedoch nur bedingt: Wie Müller erklärt, interpretieren Betroffene selbst eindeutige Zahlen extrem selektiv. Während Berater auf eine 99,9-prozentige Wahrscheinlichkeit für einen sicheren Ruhestand verweisen, fixieren sich ihre Klienten auf das 0,1-prozentige Restrisiko. Die Ursachen liegen laut Müller häufig in der Kindheit – etwa bei Menschen, die in prekären Verhältnissen aufwuchsen – oder in sozialen Vergleichen. Und diese Vergleiche sind tückischer denn je: Während frühere Generationen die seltene Tochter des Sparkassendirektors beneidet hätten, suggerieren Instagram und Co. heute täglich, dass Yachturlaube, Ferraris oder Sterne-Menüs Standard seien. Die Folge: Junge Menschen verlieren, wie Müller sagt, „den Bezug dazu, was eigentlich normal ist – sowohl beim Körperbild als auch beim Umgang mit Geld“. Nicht überraschend also, dass laut einer US-Umfrage Millennials und die Generation Z deutlich häufiger betroffen sind, auch wenn die Erhebung wissenschaftliche Standards nicht erfüllt.

Für Finanzberater wird Money Dysmorphia zunehmend zur praktischen Herausforderung – und Coaching zum sinnvollen Instrument. Da rein rationale Argumente bei Betroffenen oft verpuffen, empfiehlt Müller ein professionelles Finanzcoaching, das innere Überzeugungen hinterfragt und schrittweise verändert. Ziel ist nicht eine „Heilung“ im medizinischen Sinn, sondern eine spürbare Befreiung aus einschränkenden Denkmustern. Die Antithese bleibt bestehen: Während die wirtschaftliche Realität stabil bleibt, korrigiert sich langsam die eigene Wahrnehmung. In einer Zeit, in der Social-Media-Vergleiche und ökonomische Unsicherheiten parallel steigen, dürfte das Phänomen weiter an Bedeutung gewinnen – und Berater, Coaches sowie Fachleute der Finanzpsychologie künftig häufiger beschäftigen.

Quelle

In Kooperation mit der
INTER Versicherungsgruppe