Seit Anfang 2025 verzeichnet die deutsche Sicherheits- und Verteidigungsindustrie einen spürbaren Zulauf aus dem Mittelstand. Wie der Bundesverband der deutschen Sicherheits- und Verteidigungsindustrie (BDSV) dem Handelsblattmitteilt, hat sich die Mitgliederzahl seit November 2024 von 243 auf 440 nahezu verdoppelt – zwei Drittel davon stammen aus mittelständischen Betrieben. „Wir werden von Interessenten überrannt“, sagt BDSV-Mittelstandsbeauftragte Cathrin Wilhelm und verweist auf große Nachfrage vor allem aus Maschinenbau und Automobilzulieferindustrie. Viele Unternehmen suchten angesichts sinkender Auslastung nach neuen Geschäftsfeldern – und entdecken die Verteidigungsbranche als Chance auf Wachstum. Personalberater Fabian Kienbaum bestätigt den Trend: Wer über Fertigungskompetenz, technische Expertise und etablierte Qualitätsstandards verfüge, prüfe zunehmend eine Positionierung als Zulieferer für Rüstungsprojekte. Besonders gefragt seien mechanische Bauteile, Beschichtungen und Montagekapazitäten; der Bedarf an qualifiziertem Personal sei „riesig“.
Wachsender Markt, politische Unsicherheit und ein Umdenken im Familienunternehmen
Tatsächlich steigen die Marktvolumina rasant: Laut McKinsey dürfte sich allein das deutsche Verteidigungsbudget bis 2030 von derzeit gut 80 auf 170 Milliarden Euro mehr als verdoppeln. Der europäische Rüstungsmarkt könnte im gleichen Zeitraum auf 335 Milliarden Euro jährlich anwachsen – fast das Dreifache des heutigen Niveaus. Große Konzerne wie Rheinmetall, KNDS und Airbus Defence dominieren zwar weiterhin das Volumen, reichen aber bis zu 80 Prozent der Aufträge an Zulieferer weiter. Rheinmetall allein arbeitet nach eigenen Angaben mit rund 23.000 Lieferanten zusammen – überwiegend mittelständischen Unternehmen, darunter viele frühere Automobilzulieferer, die dringend neue Perspektiven suchen. Zugleich treibt der geopolitische Kontext die Entwicklung voran: Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine sowie das von Donald Trump infrage gestellte US-Beistandsversprechen haben in vielen Familienunternehmen ein Umdenken ausgelöst – weg von tradierten Grundsätzen, hin zu sicherheitspolitischer Mitverantwortung.
Beispiel aus dem Sauerland: Zwischen Tradition, Transformation und Wertekompass
Wie tief der Wandel wirkt, zeigt ein anonymisiertes Beispiel aus dem Sauerland. Eine geschäftsführende Gesellschafterin berichtet dem Handelsblatt, ihr Maschinenbauunternehmen habe sich seit der Gründung bewusst gegen Rüstungsaufträge entschieden. Als jedoch im Februar 2025 die Anfrage eines Partnerbetriebs für eine gemeinsame Bewerbung auf ein Projekt zur Produktion von Artilleriegranaten erfolgte, stellte sich die Frage neu: Ist der kategorische Ausschluss der Rüstungsindustrie noch zeitgemäß? Ausschlaggebend wurde letztlich die Haltung in der Familie – ausgelöst durch Donald Trumps erneute Zweifel am NATO-Bündnis. „Uns wurde klar, dass unsere Werte für Frieden und Freiheit nicht infrage standen, aber heute andere Entscheidungen erfordern als früher“, so die Unternehmerin. Tom Rüsen, Geschäftsführer der Stiftung des Wittener Instituts für Familienunternehmen, ordnet dies ein: Viele Familienunternehmen seien aktuell zerrissen, weil alte Satzungen aus Zeiten des Kalten Krieges nicht mehr zur sicherheitspolitischen Realität passen. Nach seiner Erfahrung spielt auch der Generationenwechsel eine zentrale Rolle: Während die Generation Z deutlich offener für Rüstungskooperationen sei, tun sich Babyboomer und Teile der Generation X wesentlich schwerer – ein klassisches Spannungsfeld zwischen Tradition und Anpassungsdruck.
