„Günaydin“ statt Guten Morgen, „dobranoc“ statt Gute Nacht – Deutschland wird sprachlich vielfältiger. Laut dem Statistischen Bundesamt sprechen nur noch 77 Prozent der Haushalte ausschließlich Deutsch. In 17 Prozent wird mehrsprachig kommuniziert, 6 Prozent sprechen ausschließlich eine andere Sprache. Das sind rund 15,6 Millionen Menschen, die sich überwiegend in Sprachen wie Türkisch, Russisch oder Arabisch verständigen. Für die Versicherungsbranche bedeutet das: neue Zielgruppen – und neue Herausforderungen. Denn das komplexe Versicherungsdeutsch überfordert nicht selten selbst Muttersprachler.
KI als Brückenbauer zwischen Sprachen
Einige Versicherer reagieren längst auf den Wandel. So verweist eine Allianz-Sprecherin auf ein Netzwerk mehrsprachiger Agenturen, die fest in ihren Communities verankert sind. Neben klassischer Werbung setzt der Münchener Konzern auch auf Technologie: AllianzGPT, das 2023 eingeführte KI-Tool, unterstützt laut Unternehmen inzwischen über 60.000 Nutzer. Auch externe Experten wie Simon Moser, Gründer des KI-Startups Muffintech, sehen großes Potenzial. „Künstliche Intelligenz ist prädestiniert dafür“, so Moser gegenüber procontra. Im Unterschied zu herkömmlichen Übersetzern kontextualisiere generative KI Inhalte und vermittle komplexe Sachverhalte verständlicher. Muffintech habe bereits mit KI gestützte Beratungen in Englisch, Spanisch oder Arabisch durchgeführt – selbst ohne muttersprachliche Berater.
Kulturelle Nähe bleibt entscheidend
Doch Sprache allein schafft noch kein Vertrauen. Das weiß Andreas Niemiec, der sich selbst als „bekanntesten polnisch sprechenden Versicherungsmakler Deutschlands“ bezeichnet. Der gebürtige Pole berät seit über 30 Jahren Kunden – 90 Prozent seiner Beratungen finden auf Polnisch statt. Für viele seiner Kundinnen und Kunden ist genau das der Grund, sich an ihn zu wenden. „Meine Herkunft hilft mir, Vertrauen aufzubauen“, sagt Niemiec. Während KI Sprachbarrieren zunehmend senkt, bleibt die kulturelle Verbindung ein entscheidender Faktor. Für Makler mit Einwanderungsgeschichte oder Fremdsprachenkenntnissen eröffnet sich dadurch ein Markt mit enormem Potenzial – ein Potenzial, das laut Moser „viele noch gar nicht erkannt haben“.
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