Frühstartrente droht zu kippen – SPD plant Staatsfonds statt Kinderdepots
Eigentlich sollte 2026 der Startschuss für die Frühstartrente fallen: Zehn Euro pro Monat, eingezahlt vom Staat auf ein Depot jedes Kindes ab sechs Jahren – als Grundstein für die private Altersvorsorge. Neobroker wie Trade Republic, Scalable Capital und Finanzen.net Zero witterten einen Boom. Doch nun droht der Traum vom staatlich geförderten Kinderdepot zu platzen. Nach Informationen des Wirtschaftsmagazins Capital erwägt das SPD-geführte Finanzministerium, das Modell grundlegend umzubauen – weg von der privatwirtschaftlichen Lösung, hin zu einem staatlich verwalteten Fonds.
Der Hintergrund: Laut Koalitionsvertrag soll die Frühstartrente als Baustein für eine eigenverantwortliche Vorsorge etabliert werden. Geplant war, das Geld auf private Depots einzuzahlen, verwaltet etwa von Brokern wie Trade Republic, die ihr Kinderdepot im Mai mit großem Medienecho vorgestellt hatten. „Das Rentensystem ist in Zukunft nicht sicher“, erklärte der Broker damals – und positionierte das Produkt als Antwort auf die aus Sicht vieler Experten marode Altersvorsorge. Doch nun zeigt sich: Das SPD-geführte Finanzministerium denkt offenbar um. Wie Capital aus Koalitionskreisen erfuhr, steht neben der privaten Variante auch eine Lösung über den staatlichen Kenfo-Fonds im Raum – jener Fonds, der ursprünglich zur Finanzierung des Atomausstiegs gegründet wurde. Die Idee: Das Geld wird zentral verwaltet und mit Erreichen des 18. Lebensjahres ausgezahlt.
Ein Jahrgang, ein Fonds, viel Kritik
Damit nicht genug – auch die Reichweite des Programms sorgt für Streit. Nach bisherigen Überlegungen soll nur der Jahrgang 2020 profitieren, also Kinder, die im kommenden Jahr sechs Jahre alt werden. Begründung: Das Budget. Im Etat 2026 sind gerade einmal 100 Millionen Euro vorgesehen, genug für rund 700.000 Kinder. Weitere Jahrgänge? Unklar. SPD-Finanzpolitiker Michael Thews betonte auf Anfrage von Capital, es liege noch kein Referentenentwurf vor. Zwar sei man privatwirtschaftlichen Lösungen gegenüber offen, „doch ein öffentlich verwalteter Fonds könnte als Auffanglösung sinnvoll sein“. Das Finanzministerium selbst verweigerte eine Stellungnahme.
Ganz anders sieht das die Opposition. Aus Reihen der Union heißt es, eine kollektive Lösung widerspreche dem Geist des Koalitionsvertrags. Ein Staatsfonds, so der Tenor, nehme Kindern die Chance, frühzeitig finanzielle Bildung zu erlernen. Auch in der Branche formiert sich Widerstand. Scalable Capital warnte, man müsse „an der vereinbarten privatwirtschaftlichen Lösung festhalten“, um Vermögen vor staatlichem Zugriff zu schützen. Noch schärfer reagierte Smartbroker-Chef Thomas Soltau: „Finanzielle Bildung lässt sich so nicht fördern. Es ist zum Fremdschämen.“ Besonders irritierend: dass nur ein Jahrgang profitieren soll – „bei einem Haushalt mit 140 Milliarden Euro neuer Schulden ein politisches Armutszeugnis“, so Soltau.
Wie es weitergeht, ist offen. Mit einem Gesetzentwurf wird laut Capital frühestens im November gerechnet. Bis dahin dürfte der Streit zwischen Staatsfonds und Kinderdepot weiter an Fahrt aufnehmen – ein Sinnbild für das Spannungsfeld deutscher Altersvorsorgepolitik: zwischen Anspruch und Wirklichkeit, zwischen Eigenverantwortung und Staatsvertrauen.
