Rüstungsaktien in ESG-Fonds – Legitimes Investment oder Nachhaltigkeitsbruch?

Spätestens seit dem russischen Angriff auf die Ukraine im Februar 2022 steht die Verteidigungspolitik Europas unter neuer Bewertung. In der Folge hat sich nicht nur das sicherheitspolitische Denken verändert, sondern auch die Investmentwelt ist im Umbruch: Rüstungsaktien, lange Zeit kategorisch von nachhaltigen Fonds ausgeschlossen, kehren schrittweise zurück in die Debattenräume institutioneller Anleger. Zunehmend stellen sich Investoren, Vermögensverwalter und auch Versicherungsmakler die Frage: Kann Rüstung unter bestimmten Voraussetzungen als nachhaltig gelten? Und falls ja – welche Produkte dürfen Rüstungsunternehmen künftig im Portfolio führen?

ESG oder nationale Sicherheit – ein Zielkonflikt?

Mark Wade, Head of Sustainability Research & Stewardship bei Allianz Global Investors, bringt die Ambivalenz auf den Punkt: Während Verteidigungssysteme zweifelsfrei zur Wahrung staatlicher Souveränität notwendig sind, leisten sie nach SFDR-Definition keinen direkten Beitrag zu ökologischen oder sozialen Nachhaltigkeitszielen – und gelten daher bei AllianzGI nicht als „nachhaltig“.

Dennoch differenziert Wade: Es sei zu unterscheiden zwischen Kernaktivitäten der Verteidigung – etwa im Rahmen des Atomwaffensperrvertrags (NPT) – und kontroversen Waffen oder Dienstleistungen. Für Erstere könne es durchaus Argumente geben, diese aus der Perspektive einer verantwortungsvollen Governance neu zu bewerten.

Finanzielle Notwendigkeit trifft auf neue Mentalität

Einer der Treiber der aktuellen Entwicklung ist die zunehmende Überforderung staatlicher Haushalte mit den wachsenden Verteidigungsausgaben. „Die öffentlichen Finanzen in Europa können die angestrebten Verteidigungsausgaben in ihrer Höhe und Breite nicht allein finanzieren“, so Wade. Damit rückt die Privatwirtschaft zwangsläufig stärker in die Pflicht – und damit auch institutionelle Investoren, ESG-Fonds eingeschlossen.

Tatsächlich zeigt der Markt: Produkte wie der „Amundi Stoxx Europe Defense ETF“ werden offensiv als Beitrag zur „Finanzierung strategischer europäischer Initiativen“ beworben. Und mit vier europäischen Rüstungs-ETFs, die allein in den letzten Monaten aufgelegt wurden, ist das Angebot so breit wie nie.

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