Deutsche Bundesbank: Schwerpunkte des Monatsberichts März 2016

PRESSEMITTEILUNG

  • Zur Schwäche des Welthandels

Der Welthandel enttäuschte in den letzten Jahren. Hatte er in den Jahren zwischen 1980 und 2007 noch mit Raten von durchschnittlich 6 % pro Jahr zugelegt, so verringerte sich sein Expansionstempo seitdem auf weniger als 3 %. Zwar kann ein Großteil des Rückgangs auf die Verlangsamung des weltweiten Wirtschaftswachstums zurückgeführt werden. Aber auch die globale Handelselastizität, das heißt das Verhältnis der Änderungsraten von Welthandel und globaler Wirtschaftsleistung, nahm ab. Dies lässt Befürchtungen aufkommen, das Tempo der Globalisierung und damit der internationalen Spezialisierung habe sich verringert – mit nachteiligen Folgen für den wirtschaftlichen Fortschritt.

Es kann jedoch gezeigt werden, dass die mit dem Konvergenzprozess verbundenen Verschiebungen des weltwirtschaftlichen Wachstums hin zu den Schwellenländern einen erheblichen Teil des Rückgangs erklären. Die Schwellenländer, deren Bedeutung in der Weltwirtschaft stetig steigt, zeichnen sich durch eine deutlich geringere Handelselastizität aus als die Fortgeschrittenen Volkswirtschaften. Zudem war die Gewichtsverlagerung hin zu den Schwellenländern bei den handelsintensiven Komponenten der Wirtschaftsleistung besonders ausgeprägt. So wurde die Zunahme der globalen Investitionstätigkeit wie auch der weltweiten Industrieproduktion seit 2008 allein durch die aufstrebenden Volkswirtschaften erbracht.

Deshalb ist zu fragen, was hinter der geringen Handelselastizität des Wirtschaftswachstums in wichtigen Schwellenländern steht. Langfristig müssen sich Ein-und Ausfuhren ähnlich entwickeln, wenn Ungleichgewichte nicht immer größer werden sollen. Dann aber bremst das langsamere Wachstum der Absatzmärkte in den Fortgeschrittenen Volkswirtschaften den Außenhandel der Schwellenländer. Speziell die chinesischen Exporte scheinen an Grenzen zu stoßen. Mit der rasch zunehmenden Bedeutung in der Welt wird China von einer kleinen zu einer großen Volkswirtschaft, für die der internationale Güteraustausch eine geringere Rolle spielt. Das Wachstumsmodell der zweitgrößten Wirtschaft kann langfristig nicht überwiegend auf dem Export gründen.

Alles in allem dürfte die enttäuschende Entwicklung des internationalen Handels in den vergangenen Jahren im Wesentlichen das Wachstumsprofil der Weltwirtschaft reflektieren. Hinweise auf eine originäre Schwäche des Welthandels oder einen starken Einfluss handelspolitischer Maßnahmen sind kaum auszumachen. Da der Wachstumsvorsprung der Schwellenländer anhalten dürfte, ist weiterhin mit einer recht geringen Handelsintensität des globalen Wirtschaftswachstums zu rechnen.
Die deutsche Zahlungsbilanz für das Jahr 2015

Der Leistungsbilanzüberschuss der deutschen Wirtschaft erhöhte sich im Jahr 2015 erneut sehr kräftig. Ausschlaggebend hierfür war die Ausweitung des Aktivsaldos im grenzüberschreitenden Geschäft mit Waren und Diensten. Gerade in der Außenhandelsbilanz dürften sich die kurzfristigen Effekte der Verbilligung international gehandelter Rohstoffe – allen voran des heftigen Rückgangs der Rohölnotierungen – und die Euro-Abwertung stark überschusssteigernd ausgewirkt haben. Die Verringerung der Rohstoffpreise dämpfte die nominalen Importe, ohne dass sich die zu erwartenden Folgen der markanten Einkommensverschiebungen zwischen Förder- und Verbraucherländern bereits deutlich gezeigt hätten. Mittelfristig sind mit den empfindlichen Einkommenseinbußen in den Hauptförderländern Risiken für die Exportmöglichkeiten deutscher Unternehmen verbunden, während niedrige Rohstoffpreise hierzulande die binnenwirtschaftliche Grunddynamik weiter stärken sollten. Deshalb ist der Leistungsbilanzüberschuss in Höhe von 8½% des Bruttoinlandsprodukts im abgelaufenen Jahr als Momentaufnahme zu begreifen.

Die Exporte der deutschen Wirtschaft nahmen im Gesamtjahr 2015 – trotz der Abschwächung in der zweiten Jahreshälfte – beträchtlich zu. Deutlich mehr geliefert wurde in die USA, nach Großbritannien, in die Schweiz sowie in die mittel- und osteuropäischen EU-Länder, die nicht dem gemeinsamen Währungsgebiet angehören. Außerdem profitierten die Unternehmen von der Belebung der Konjunktur in weiten Teilen des Euro-Raums. Durch die gestiegenen Zuwächse auf traditionell wichtigen Absatzmärkten wurde mehr als kompensiert, dass die Ausfuhren in Schwellenländer zuletzt nicht mehr so gut liefen wie noch vor einigen Jahren. Im China-Geschäft schlug sich die dortige Wachstumsabschwächung nieder, und in Russland gingen die Absätze angesichts der sich weiter verschlechterten Wirtschaftslage und der Sanktionen erneut ausgesprochen kräftig zurück.

Der Kapitalverkehr Deutschlands mit dem Ausland stand im vergangenen Jahr unter dem Einfluss des Niedrigzinsumfelds und der umfangreichen Wertpapierkäufe des Eurosystems zu geldpolitischen Zwecken (Quantitative Easing). Im Ergebnis betrugen die deutschen Netto-Kapitalexporte 232 Mrd Euro; sie waren damit etwas niedriger als im Jahr davor. Maßgeblich bestimmt wurden die Kapitalströme im Wertpapierverkehr durch die Verkäufe inländischer Schuldverschreibungen durch ausländische Halter; zum Teil hat die Bundesbank diese Titel im Rahmen des erweiterten Wertpapierankaufprogramms übernommen. Zudem sank das Interesse deutscher Investoren an ausländischen Wertpapieren. Zu Kapitalabflüssen kam es auch bei den Direktinvestitionen, da die deutsche Wirtschaft ihr internationales Engagement per saldo weiter kräftig ausgebaut hat. Netto-Kapitalimporte ergaben sich dagegen im übrigen Kapitalverkehr. Hier verzeichneten sowohl die Unternehmen und Privatpersonen als auch die monetären Finanzinstitute Mittelzuflüsse. Die Auslandsposition der Bundesbank hat sich im Jahr 2015 durch den deutlichen Anstieg des deutschen TARGET2-Saldo ausgeweitet. Dabei spielten die Wertpapierankäufe des Eurosystems eine wesentliche Rolle.

  • Vermögen und Finanzen privater Haushalte in Deutschland: Ergebnisse der Vermögensbefragung 2014

Die Bundesbank befragte im Jahr 2014 zum zweiten Mal seit 2010 private Haushalte in Deutschland zu ihrem Vermögen und ihren Schulden. Vorrangiges Ziel der unter dem Titel „Private Haushalte und ihre Finanzen“ (PHF) durchgeführten Studie ist es, die finanzielle Lage der Haushalte insgesamt sowie einzelner Gruppen von Haushalten zu beschreiben. Etwa die Hälfte der rund 4 500 befragten Haushalte nahm bereits zum zweiten Mal an der Studie teil. Mit den Daten beider Wellen können nunmehr auch Veränderungen über die Zeit aufgezeigt werden.

Sowohl die Vermögensverteilung als auch die Zusammensetzung des Vermögens der privaten Haushalte in Deutschland zeigt sich im Zeitablauf stabil. Die Vermögen sind weiterhin – gemessen an anderen Ländern im Euro-Raum – relativ ungleich verteilt.

Die niedrigen Nominalzinsen sowie der Anstieg der Immobilienpreise und Aktienkurse scheinen zwischen 2010 und 2014 keine größeren Verhaltensanpassungen in Bezug auf das Anlageverhalten der Haushalte hervorgerufen zu haben. Weder der Anteil der Haushalte, die bestimmte Vermögensgegenstände besitzen (z. B. Giro-/Sparkonten, Aktien oder Immobilien), noch die Anteile von Finanz- und Sachvermögen am Bruttovermögen privater Haushalte haben sich wesentlich verändert.

In diesem Aufsatz wird ausschließlich das Vermögen betrachtet, das die Haushalte direkt besitzen. Andere Aspekte, welche die Situation der privaten Haushalte beeinflussen, wie zum Beispiel die Verschuldungssituation und das Vermögen des Staates, werden dagegen nicht berücksichtigt.

  • Zur Bedeutung und Wirkung des Agreement on Net Financial Assets (ANFA) für die Implementierung der Geldpolitik

Neben ihren in der ESZB-Satzung verankerten gemeinsamen Aufgaben können die nationalen Zentralbanken des Eurosystems auch eigenständig Aufgaben auf Basis nationaler Rechtsgrundlagen wahrnehmen. Die Unterscheidung zwischen gemeinsamer Geldpolitik und in nationaler Verantwortung liegenden nicht geldpolitischen Tätigkeiten ist eine Besonderheit der Europäischen Währungsunion und nicht vergleichbar mit dem institutionellen Gefüge anderer Währungsräume.

Eine wichtige Bestimmungsgröße für die effiziente Durchführung der gemeinsamen Geldpolitik im Euro-Währungsgebiet ist die strukturelle Liquiditätsposition des Bankensektors gegenüber dem Eurosystem. Sowohl durch geldpolitische Operationen als auch durch nicht geldpolitische Geschäfte der nationalen Zentralbanken kann Zentralbankgeld geschaffen werden. Beide Arten von Geschäften verändern die Liquiditätsposition des Bankensektors.

Um in diesem besonderen Umfeld sicherzustellen, dass die nicht geldpolitischen Aktivitäten der nationalen Zentralbanken mit der gemeinsamen Geldpolitik des Eurosystems vereinbar sind, haben die nationalen Zentralbanken des Eurosystems und die EZB eine vertragliche Absprache getroffen – das Agreement on Net Financial Assets (ANFA). Es regelt in Verbindung mit den vom EZB-Rat festgelegten geldpolitischen Parametern den maximal zulässigen Gesamtumfang nicht geldpolitischer Bilanzaktivitäten (Netto-Finanzaktiva) im Eurosystem und verteilt diesen auf die nationalen Zentralbanken. In der Vergangenheit wurde dadurch sichergestellt, dass das Bankensystem gegenüber dem Eurosystem ein strukturelles Liquiditätsdefizit aufwies.

Die Bundesbank hat bislang lediglich in vergleichsweise geringem Umfang nicht geldpolitische Netto-Finanzaktiva gehalten. Zum Jahresende 2015 überstieg das Volumen der nicht geldpolitischen Passivpositionen sogar das Volumen der nicht geldpolitischen Aktivpositionen, sodass die Netto-Finanzaktiva per saldo mit – 50 Mrd Euro negativ waren.

Das ANFA ist ein sinnvolles Instrument, um die Vereinbarkeit der Geschäfte der nationalen Zentralbanken auf nationaler Rechtsgrundlage mit der Aufgabenerfüllung des Eurosystems im Rahmen der gemeinsamen Geldpolitik zu gewährleisten. Die Veröffentlichung des ANFA durch die EZB Anfang Februar 2016 ist zu begrüßen, denn Transparenz fördert die Glaubwürdigkeit von Zentralbanken und damit das Vertrauen in die Nachhaltigkeit ihrer geldpolitischen Aufgabenerfüllung.